Full text: "Grenzgänger"

Schlußsatz des Kapitels “Les touristes”, eine Formulierung, die metonymisch auf die 
Vorstellung einer natürlichen, sowohl politisch wie ethnisch begründeten Schick¬ 
salsgemeinschaft zwischen dem Elsaß und anderen Provinzen Frankreichs verweist. 
Jean-Jacques Waltz, der aufgrund seiner kompromißlosen - und vor dem Hintergmnd 
seiner eigenen Biographie geradezu paradoxalen - Ablehnung des Bilinguismus be¬ 
reits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg im intellektuellen und künstlerischen 
Feld seiner Zeit eine eher marginale Position einzunehmen begann, stellt für die vom 
Nationalismus geprägten Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg eine zeittypische und 
in gewisser Hinsicht symptomatische Figur dar. Die historische Situation zwang den 
zwei Jahre nach der französischen Niederlage von 1870/71 geborenen Sohn einer 
frankophilen Bürgerfamilie zu beständigen Grenzüberschreitungen über die damali¬ 
ge deutsch-französische Grenze hinweg - zum Studium nach Lyon, für Vorträge und 
Publikationen sowie seine journalistische Tätigkeit nach Paris -, Grenzgänge, die er 
bis auf die Jahre des Ersten und Zweiten Weltkriegs dem von vielen Gleichgesinnten 
gewählten Exil in Frankreich vorzog. Seine Sozialisation in beiden Sprachen und 
Kulturen erleichterte dieses intellektuelle Grenzgängertum und ermöglichte Formen 
des kreativen und zum Teil auch radikal satirischen Umgangs mit der anderen Kultur 
- in diesem Fall der deutschen -, wie sie unter anderem die sich autobiographisch ge¬ 
benden Erzählungen des Professors Knatschke und seiner Tochter repräsentieren, die 
vielleicht bissigste und zugleich gelungenste Satire deutscher Gelehrtensprache und 
deutscher Gelehrtenmentalität im französischen Sprachraum. Sie resultierte aus jener 
Verbindung von äußerst enger, hautnaher Vertrautheit mit den kulturellen Codes der 
anderen, in diesem Fall deutschen, Kultur, bis hinein in Register der Gebärdenspra¬ 
che und der Stilistik, und prononcierter kritischer Distanz, eine Verbindung, die ein 
wesentliches Charakteristikum intellektuellen Grenzgängertums darstellt. 
Jean-Jacques Waltz, der auf dem an seinem Haus am Boulevard du Champ de Mars 
in Colmar angebrachten Gedenkstein als “Caricaturiste, artiste-peintre, écrivain, pa¬ 
triote et résistant [...], symbole de l’Alsace fidèle”21 bezeichnet wird, repräsentiert ei¬ 
nen für die Epoche des Nationalismus dominierenden Typus des Grenzgängers: ei¬ 
nen Grenzgänger, der zeitlebens beständig die deutsch-französische Grenze über¬ 
schritten hat, am intensivsten in den beiden Epochen der deutschen Annexion 
Elsaß-Lothringens, ein Grenzgänger aber zugleich, der kulturelle Gegensätze nicht 
einebnet, sondern im Gegenteil akzentuiert; nicht zu vermitteln und zu versöhnen be¬ 
absichtigt, sondern aus der intimen Kenntnis zweier Kulturen heraus ihre Gegensätz¬ 
lichkeit zu unterstreichen sucht. Seine familiäre Sozialisation, aber auch Schlüsseler¬ 
lebnisse der Schulzeit am Colmarer Gymnasium der 1880er Jahre, dessen Kollegium 
von ins Elsaß versetzten preußischen Lehrern dominiert wurde und in dem einheimi¬ 
sche Lehrer eine deutliche Minderheit bildeten22, führten dazu, daß diese Grenzzie¬ 
hungen zwischen deutscher und französischer Kultur (zu der Waltz die elsässische 
genuin hinzurechnete) nicht wertneutral blieben, sondern eine Idealisierung des re¬ 
21 Die Gedenktafel ist abgebildet bei: Paul Steinmann und René Candir, Hansi à travers ses 
cartes postales, 1895-1951. Deuxième édition revue et corrigée, Mulhouse 1996, S. 189. 
22 Vgl. hierzu Bernard Vogler, Histoire culturelle de l’Alsace. Du Moyen Age à nos jours, les 
très riches heures d’une région frontière, Strasbourg 1994, S. 317. 
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