Full text : "Grenzgänger"

te  nicht  weiter  berührt  werden.  Unsere  Aufmerksamkeit  gilt  den  moderaten  Formen
der  Arbeitermigration.
Es  mag  zunächst  offenbleiben,  ob  Mobilität,  Flexibilität  und  ein  Mindestmaß  an  Freizügigkeit
  die  Hauptantriebskräfte  für  ein  temporäres  Arbeiten  jenseits  der  Grenze
mit  regelmäßiger  Rückkehr  in  den  Heimatort  seit  jeher  oder  erst  in  der  Moderne  sind.
Hinzuzurechnen  wären  gewiß  wirtschaftliche  Motive  oder  auch  Zwänge,  die  bis  ans
Existenzielle  reichen  können  und  zur  Arbeitssuche  in  der  Fremde  veranlassen.  Ökonomische
  Anreize  etwa  in  dem  Sinne,  daß  man  über  ein  gutes  Auskommen  hinaus
zusätzliche  Verdienstmöglichkeiten  sucht,  könnten  in  unserem  Zusammenhang  wohl
eher  vernachlässigt  werden,  weil  die  Verzichts-  und  Entbehrungsaspekte  doch  stets
recht  gravierend  und  beim  Abwägen  von  Vor-  und  Nachteilen  ausschlaggebend  sind.
Aber  auch  im  Fall  wirtschaftlicher  Not  ist  ein  gehöriges  Maß  an  Mobilität  und  Flexibilität
  ein  Grunderfordemis  für  alle,  die  als  Grenzgänger  ihr  Auskommen  suchen.
Gab  es  solche  Formen  der  Elastizität  schon  in  vergangenen  Jahrhunderten?
Die  Frage  zu  stellen,  ist  weitaus  einfacher  als  die  Suche  nach  Antworten.  Immerhin
lassen  sich  beispielsweise  im  Spätmittelalter  beachtliche  Zeichen  von  räumlicher
Mobilität  erkennen.  Diese  äußerte  sich  vorzugsweise  im  Pilgerwesen,  bei  den  Scholaren
  und  Handwerksgesellen,  also  jenen  Gruppen,  die  auch  wieder  in  ihre  Heimat
zurückkehrten,  was  natürlich  nicht  der  Fall  war  bei  den  großen  Migrationsströmen  in
der  mittelalterlichen  deutschen  Ostsiedlung,6  der  durchaus  Verbreitungsformen  der
niederländischen  Marschenkolonisation  und  Siedlungsvorgänge  in  Südwestfrankreich
  und  Innerspanien  sowie  im  alten  Rußland  als  grundsätzliche  Parallelen  an  die
Seite  zu  stellen  sind.7  Diese  Siedlungsbewegungen  bleiben  hier  außer  Betracht,  auch
wenn  sie  höchst  beachtliche  Mobilitätsformen  dokumentieren.  Grundsätzlich  läßt
sich  aber  von  einem  verbreiteten  “Unterwegssein  im  Spätmittelalter”  reden,  das  auch
bereits  auf  mediävistisches  Forschungsinteresse  stieß.8  Diese  Formen  der  Mobilität
könnten  als  Grundvoraussetzungen  auch  für  die  Grenzgängerthematik  gelten.
Gewisse  Wanderungsformen,  die  ebenfalls  ein  Mindestmaß  an  Freizügigkeit  voraussetzen
  oder  aber  sozusagen  illegale  Entfernung  vom  “angeborenen”  Arbeitsplatz,  die
meist  als  Flucht  zu  erkennen  ist,  hat  es  allerdings  auch  in  früheren  Jahrhunderten
schon  gegeben.9  Demographische  Fluktuation  ermöglichte  mitunter  die  billige  Ver¬6

  Vgl.  den  wichtigen  Sammelband:  Die  deutsche  Ostsiedlung  des  Mittelalters  als  Problem
der  europäischen  Geschichte,  hrsg.  von  Walter  Schlesinger  (Vorträge  und  Forschungen  18)
Sigmaringen  1975.
7  Ebd..  Dietrich  Claude,  Die  Anfänge  der  Wiederbesiedlung  Innerspaniens  (S.607-656);
Charles  Higounet,  Zur  Siedlungsgeschichte  Südwestfrankreichs  vom  11.  bis  zum  14.  Jahrhundert
  (S.657-694);  Franz  Petri,  Entstehung  und  Verbreitung  der  niederländischen  Marschenkolonisation
  in  Europa  (mit  Ausnahme  der  Ostsiedlung)  S.695-754;  Günther  Stökl,
Siedlung  und  Siedlungsbewegungen  im  alten  Rußland  (13.-16.  Jahrhundert)  S.755-779.
8  Unterwegs  im  Spätmittelalter,  hrsg.  von  Peter  Moraw  (Zeitschrift  für  Historische  Forschung,
  Beiheft  1)  Berlin  1985  mit  Beiträgen  von  Ludwig  Schmugge,  Die  Pilger;  Jürgen
Miethke,  Die  Studenten;  Knut  Schulz,  Die  Handwerksgesellen;  Frantisek  Graus,  Die  Randständigen.

9  Knappe  Hinweise  bei  Reinhard  Schneider,  Das  Frankenreich  (Oldenbourg  Grundriß  der
Geschichte  5)  München  31995,  S.79  (“Phänomene  allgemeiner  Fluktuation”).

12
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.