Full text : "Grenzgänger"

die  französische  Annexion  des  Elsaß  als  eine  Art  neuzeitliche  ‘Pax  gallica’,  die  einer
langen  Periode  der  Kriegswirren  und  religiösen  Auseinandersetzungen  ein  Ende  gesetzt
  hatte.  “A  quelque  chose  malheur  est  bon”,  so  lautete  der  hierauf  bezogene,  in  ein
populäres  Sprichwort  gefaßte  Erzählerkommentar,  “puisqu’à  la  suite  de  cette  longue
guerre  l’Alsace  devait  devenir  française.”15
Einen  quantitativ  und  funktionell  herausragenden  Platz  nehmen  die  Kapitel  zur  Geschichte
  der  Französischen  Revolution  und  des  napoleonischen  Kaiserreichs  ein,  sah
doch  Waltz  die  Jahre  1789-1815  als  die  eigentliche  kulturelle  Entstehungsepoche  des
Elsaß  an.  Das  Bewußtsein  einer  kulturellen  Regionalidentität,  die  zur  nationalen
Identität  Frankreichs  in  einem  Verhältnis  struktureller  Homologie  gesehen  wird,  artikuliert
  sich  hier  in  Begriffen  wie  “peuple  alsacien”,  “nation  alsacienne”  und  “peuple
souverain”,  die  weder  eine  rechtliche  noch  eine  (im  engeren  Sinn)  politische  Dimension
  aufweisen  -  dies  stünde  der  französischen  Nationalideologie  radikal  entgegen  -,
sondern  eine  genuin  kulturelle  Dimension.  “Grâce  à  la  Révolution”,  so  steht  zu  Beginn
  des  Revolutionskapitels  zu  lesen,  “les  Alsaciens,  comme  tous  les  Français,  ne
furent  désormais  qu’un  seul  peuple,  un  peuple  souverain.”16  Die  Geschichte  des
Elsaß  erscheint  hier  als  Geschichte  der  allmählichen,  organischen  Volkwerdung  der
elsässischen  Bevölkerung,  die  -  ganz  in  Analogie  zur  Totalität  der  französischen  Geschichte
  -  ihren  Abschluß  in  der  Französischen  Revolution  und  der  Anerkennung  der
Volkssouveränität  gefunden  habe.  Solchermaßen  in  eine  historische  Langzeitperspektive
  gestellt,  erscheint  die  deutsche  Annexion  des  Elsaß  im  Jahre  1870  als  ein
tragisches  Zwischenspiel,  das  aus  der  Sicht  des  Verfassers  der  Histoire  de  l’Alsace
die  Logik  der  geschichtlichen  Entwicklung  jedoch  nicht  auf  Dauer  außer  Kraft  setzen
könne.
Wie  seine  anderen  lokalhistorisch  und  ethnographisch  ausgerichteten  Werke  steht
Waltz’  Histoire  de  l’Alsace  zudem  in  der  Spannung  zwischen  politisch-pädagogischem
  Impetus  und  pittoresker  Folklorisierung  der  eigenen  Lebenswelt.  Das  Vorwort
  betont  deutlich  die  Funktion  des  Buches  als  militanter  Gegendiskurs  zur  deutschen
  Darstellung  und  kulturellen  Veremnahmung  der  elsässischen  Geschichte,  die
Waltz  aus  eigener  Anschauung  im  Geschichtsunterricht  Gneisses  kennengelemt  hatte.
  Diese  als  fremd  und  entstellend  empfundene  deutsche  Sicht  der  eigenen  Geschichte
  stellt  gewissermaßen  die  negative,  aber  zugleich  beständig  implizit  (und  zuweilen
auch  explizit)  evozierte  Gegenfolie  zum  eigenen  Geschichtsdiskurs  dar.  “C’est  là
surtout  que  l’on  prétendait  nous  germaniser  en  nous  abreuvant  de  sarcasmes”,  so  die
vehement  polemische  Einleitung  des  Buches,  “d’insultes  envers  tout  ce  qui  nous  était
cher,  tandis  qu’on  nous  forçait  d’apprendre  l’histoire  de  Pmsse,  l’histoire  d’un  peuple
  qui  nous  est  étranger.”17
Die  Folklorisierung,  das  heißt  die  Konstruktion  eines  homogenen,  mit  pittoresken
Zügen  ausgestatteten  kollektiven  Selbstbildes,  findet  sich  bei  Jean-Jacques  Waltz  vor
allem  auf  Postkarten  und  Werbeplakaten  sowie  in  den  Landschaftsbänden,  aber  auch
in  der  Histoire  de  l'Alsace  in  der  spezifischen  Motivik  einer  “Alsace  patriotique  du

15  [Jean-Jacques  Waltz],  L’Histoire  de  l’Alsace  racontée  aux  petits  enfants  d’Alsace  et  de
France,  par  l’oncle  Hansi,  Paris  1916,  II-104  S.,  ND  Paris  1983,  III-104  S.,  hier  S.  59.
16  [Waltz]  (wie  Anm.  15),  S.  71.
17  [Waltz]  (wie  Anm.  15),  ohne  Seitenangabe  (“Pourquoi  j’ai  écrit  ce  livre”).

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