Full text : "Grenzgänger"

Flucht  ins  Pariser  Exil  -,  ließ  ihn  in  den  Augen  des  überwiegenden  Teils  der  elsässischen
  Bevölkerung  zu  einer  patriotischen  Identifikationsfigur  werden,  die  sie,  im
Anschluß  an  das  von  ihm  verwendete  Schriftsteller-  und  Künstlerpseudonym
“Hansi”  (für  Jean-Jacques  Waltz),  als  “Hansi  le  libérateur”  apostrophierten.4
Im  Ersten  Weltkrieg  zunächst  Frontsoldat  auf  französischer  Seite,  im  Elsaß  aufgrund
seiner  Flucht  steckbrieflich  als  “Landesverräter”  gesucht5,  war  Waltz  in  den  Jahren
1915-18  in  der  Progandaabteilung  des  französischen  Kriegsministeriums,  dem  sogenannten
  “Deuxième  Bureau”,  tätig.  Gemeinsam  mit  dem  Offizier  und  Übersetzer
Tonnelat  verfaßte  und  publizierte  Waltz  eine  Fülle  von  Flugblättern  und  Zeitungen,
die  durch  Flugzeuge  der  französischen  Luftwaffe  im  Elsaß  abgeworfen  wurden  und
sich  durch  eine  sehr  präzise  Nachahmung  formaler,  sprachlicher,  gattungsstruktureller
  und  stilistischer  Register  deutscher  Vorbilder  -  wie  beispielsweise  der  Straßburger
  Post,  der  Kriegsblätter  oder  der  Feldpost  -  auszeichneten,  diese  jedoch  zugleich
mit  völlig  anderen  Inhalten  verknüpften.  So  verwendeten  Waltz  und  Tonnelat  1917
ein  deutsches  Propagandaflugblatt  mit  dem  Titel  Auf  zum  Endkampf,  indem  sie  die
formale  Disposition  des  Flugblatts,  die  Überschrift,  einen  Teil  des  Textes  sowie  das
verwendete  Bildmotiv  beibehielten.  Letzteres  zeigte  in  fast  identischer  Darstellung,
wie  deutsche  Soldaten  einen  schweren  Stein  einen  Berg  hinaufrollen,  bis  zu  einem
fast  erreichten  Abgrund,  in  dem  auf  dem  Original  ein  französischer  Soldat  und  auf
der  Nachbildung  der  Kaiser  zu  sehen  ist,  zu  dessen  Sturz  -  beziehungsweise  physischer
  Vernichtung  -  die  französische  Pastiche  in  drastischer  Weise  auffordert.  Der  typographisch
  durch  Fettdruck  hervorgehobene  Slogan  blieb  in  der  Pastiche  der  gleiche
  wie  im  Original,  erhielt  jedoch  hier  eine  völlig  andere  Bedeutung;  er  lautete:  “Es
ist  ihnen  blutiger  Emst  mit  der  Zerschmetterung  Deutschlands  und  ihre  Ziele  gehen
jeden  Einzelnen  an.”6  Ein  anderes,  das  gleiche  stilistische  Verfahren  des  Pastiche
nutzende  Flugblatt  verwendete  die  Bildmotivik  eines  deutschen  Flugblattes,  das  blühende
  Felder,  Bauern  und  eine  reiche  Ernte  zeigte  und  zur  Unterzeichnung  der
Kriegsanleihe  aufforderte.  Die  französische  Nachahmung  duplizierte  das  Flugblatt,
behielt  im  oberen  Teil  die  formale  und  ikonographische  Disposition  bis  in  Details
hinein  bei,  ebenso  die  Überschrift  Zeichnet  die  Kriegsanleihe,  die  lediglich  durch  den
zusätzlichen  Untertitel  “Der  deutsche  Bauer  vor  dem  Krieg”  ergänzt  wurde.  Im  unteren
  Teil  war  das  gleiche  Grundmotiv,  jedoch  mit  signifikanten  Veränderungen,  zu  sehen:
  das  Bauemehepaar  sitzt  hier  statt  vor  blühenden  Feldern  vor  einem  Friedhof,  der
Bauer  hält  einen  Steuerzettel  in  der  Hand,  und  die  Bildunterschrift  lautet  nunmehr:

4  Jules  Romains,  Hommage  à  Jean-Jacques  Waltz,  in:  Saisons  d’Alsace  1  (1952),  S.  7:  “Peu
d’artistes,  au  cours  des  âges,  ont  joué  à  ce  point  un  rôle  historique.  Et  les  Alsaciens  qui
fêtent  aujourd’hui  sa  mémoire  exagéraient  à  peine  s’ils  l’appelaient  Hansi  le  libérateur.”
5  Vgl.  den  Abdruck  der  amtlichen  Suchmeldung  in:  Robert  Perreau,  Hansi  ou  l’Alsace
révélée,  Meaux  1962,  261  S.,  S.  120:  “Bekanntmachung.  Der  Maler  Jean-Jacques  Waltz,
genannt  Hansi,  der  Rechtsanwalt  Albert  Helmer,  der  Zahnarzt  Karl  Huck,  alle  drei  aus  Colmar,
  welche  sich  bei  den  französischen  Truppen  befinden,  werden  für  Landesverräter  erklärt.
  Wer  ihnen  Aufenthalt  gewährt  oder  ihren  Aufenthalt  verheimlicht,  der  wird  nach
Kriegsgebrauch  erschossen.”
6  Jean-Jacques  Waltz]  Hansi  und  E.  Tonnelat,  A  travers  les  lignes  ennemies.  Trois  années
d’offensive  contre  le  moral  allemand,  Paris  1922,  192  S.,  S.  72-73.

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