Full text : "Grenzgänger"

Hans-Jürgen  Lüsebrink

Publizistische  Grenzgänger  im  Zeitalter  des
Nationalismus  -  der  Fall  des  Jean-jacques  Waltz,
’’PATRIOTE  ALSACIEN”

I Grenzgängertum  und  Annexionserfahrungen
“Als  ein  widerstrebend  Annektierter”  (“Annexé  récalcitrant”)  bezeichnete  sich  der
elsässische  Schriftsteller,  Publizist  und  Karikaturist  Jean-Jacques  Waltz  1950,  ein
Jahr  vor  seinem  Tode,  in  seiner  in  mehreren  Lieferungen  erschienenen  Anekdotensammlung
  Scènes  de  la  vie  à  Colmar  vers  1880,  die  den  Haupttitel  “Souvenirs  d’un
annexé  récalcitrant”  trägt.  Jean-Jacques  Waltz’  Instrumente  des  Widerstrebens  und
des  mehr  oder  minder  offen  gezeigten  Widerstandes  gegen  die  Annexion  Elsaß-Lothringens
  durch  das  Deutsche  Kaiserreich  waren  Feder  und  Zeichenstift,  ihr  Medium
  in  erster  Linie  die  Publizistik  und  ihre  wesentlichen  Stilmittel  untergründiger  Humor,
  Parodie  sowie  eine  Form  beißender  Satire,  die  auch  die  Anekdoten  der  Scènes
de  la  Vie  à  Colmar  vers  1880  (deren  Titel  -  gleichfalls  mit  ironischem  Unterton  -  auf
Balzacs  Scènes  de  la  vie  parisienne  verweist)  charakterisiert.  So  erzählt  die  erste  Anekdote
  der  Erzähl  Sammlung  einen  Tag  aus  dem  Leben  der  Colmarer  Spezereienhändlerin
  Bissinger  während  der  Kaiserzeit,  in  deren  Zentrum  die  alltäglichen  Konflikte
  zwischen  der  elsässischen  Bevölkerung  und  der  deutschen  Verwaltung  sowie
dem  deutschem  Militär,  aber  auch  die  von  elsässischer  Seite  entwickelten,  subtilen
Formen  des  Widerstandes  stehen.  Hierzu  gehören  das  heimliche  Absingen  der  Marseillaise
  ebenso  wie  das  Fluchen  im  Colmarer  Dialekt,  etwa  über  das  Gebaren  eines
aus  Norddeutschland  stammenden  und  ins  Elsaß  versetzten  Wachtmeisters,  oder
auch  das  Umgehen  von  Vorschriften,  wie  der  Beschriftung  der  Ladenfassade  mit
deutschen  Namen  und  Bezeichnungen,  die  Bissinger  dadurch  zu  vermeiden  sucht,  indem
  er  das  deutsche  Äquivalent  seines  Vornamens  Jean  und  die  Übersetzung  der  Bezeichnung
  “Epicerie  fine”  in  wesentlich  kleineren,  kaum  lesbaren  Buchstaben  als  die
französischen  Originale  an  seine  Fassade  anmalen  läßt.1  Für  Jean-Jacques  Waltz,  den
zweifellos  breitenwirksamsten  und  populärsten  elsässischen  Publizisten1 2  der  Jahr¬1

  [Jean-Jacques  Waltz],  Hansi,  Souvenirs  d’un  annexé  récalcitrant,  in:  Madame  Bissinger
prend  un  bain.  Scènes  de  la  vie  à  Colmar  vers  1880  (Bd.  1),  Mulhouse  1950,  36  S.,  hier  S.
25.
2  Der  Begriff  “Publizist”  zielt  auf  die  in  seinem  Werk  dominierende  Mitwirkung  an  Zeitungen
  und  Zeitschriften  und  umgreift  sowohl  seine  schriftstellerische  Tätigkeit  als  auch  seine
Aktivitäten  als  humoristischer  und  satirischer  Zeichner.  Vgl.  Gaston  Phelip,  Voix  d’Alsace
et  de  Lorraine.  Préface  de  Maurice  Barrés.  Paris  1911,  S.  64,  der  ihn  sukzessive  als  “dessinateur”,
  “écrivain”  und  “polémiste”  bezeichnet:  “Car  Hansi  n’est  pas  seulement  dessinateur
  de  talent,  c’est  un  écrivain  dont  l’humour  sent  son  terroir  alsacien  et  Hansi  le  polémiste,
collaborant  avec  Hansi  l’humoriste,  font  paraître  les  Westmarken  (Marches  de  l’Ouest),  petite
  feuille  pleine  d’esprit  rosse  dont  la  lecture  déride  jeunes  et  vieux  enfants  d’Alsace.”

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