Full text : "Grenzgänger"

aus  ihrer  Schwächen  bewußt  waren  und  vor  den  Mißständen  im  eigenen  Land  nicht
die  Augen  verschlossen.  Es  entging  ihm,  daß  Satire  eben  doch  ein  explosiverer  Exportartikel
  als  andere  geistige  Güter  ist.  Die  in  Frankreich  verbreiteten  sarkastischen
Eigenbilder  des  Simplicissimus  haben  ohne  Zweifel  Negativbilder  verfestigt  und  zur
Verdüsterung  des  Bildes  von  Deutschland  und  den  Deutschen  beigetragen.  Darauf
soll  im  letzten  Teil  meines  Beitrags  kurz  eingegangen  werden.
Mit  Félix  Juven,  in  dessen  Verlag  auch  die  satirische  Zeitschrift  Le  Rire  erschien,  arbeitete
  Langen  im  August  1905,  auf  dem  Höhepunkt  der  ersten  Marokkokrise,  zusammen.
  Zu  diesem  Zeitpunkt  gab  er  eine  Spezialnummer  des  Simplicissimus  mit
dem  Titel  Friede  mit  Frankreich  heraus.  Die  Clichés  überließ  er  Juven,  dessen  Zeitschrift
  eine  französische  Parallelausgabe  unter  dem  Titel  Paix  à  la  France  veranstaltete.
  Die  Nummer,  die  von  Anfang  an  für  den  ‘Export’  bestimmt  war  und  in  der  man
ausnahmsweise  auf  kritische  Eigenbilder  verzichtete,  ist  von  der  ersten  bis  zur  letzten
Seite  ein  Appell  an  das  französische  und  das  deutsche  Volk,  sich  endlich  die  Hand  zu
reichen.
In  seinem  Versuch,  die  Franzosen  mit  den  Produkten  der  deutschen  Satire  vertraut  zu
machen,  ging  Langen  aber  noch  weiter.  Eine  von  ihm  1900/1901  bei  ausländischen
Persönlichkeiten  durchgefuhrte  Umfrage,  den  Simplicissimus  betreffend,  hatte  ergeben,
  daß  sich  die  meisten  französischen  Schriftsteller,  Künstler  oder  Politiker  die  Karikaturen
  mit  Vergnügen  anschauten,  daß  ihnen  aber  die  Bildunterschriften  unverständlich
  bleiben  mußten,  weil  sie  der  deutschen  Sprache  nicht  mächtig  waren.  So
wurde  seit  1907  den  ca.600  nach  Frankreich  gehenden  Nummern  ein  schmalesyasacule
  mit  der  Übersetzung  der  Bildunterschriften  der  vier  Hauptseiten  beigeheftet.
Gleichzeitig  warb  Langen  in  der  im  Oktober  1906  in  Paris  gegründeten  Zeitschrift  Le
Témoin  für  das,  was  er  die  édition  française  nannte  -  eine  ungeschickte  und  letztlich
auch  unzutreffende  Bezeichnung  des  Unternehmens.  (Abb.4)  Diese  Werbung  nahm
wiederum  die  deutsche  nationalistische  Presse  zum  Anlaß,  um  den  “französischen
Simplicissimus”  aufs  heftigste  zu  attackieren.14  Eingeleitet  wurde  diese  Diffamierungskampagne
  durch  einen  pamphletartigen  Artikel  in  den  Süddeutschen  Monatsheften
  aus  der  Feder  von  Rudolf  Borchardt.  Dieser  bezeichnet  Langen,  das  “edle
Blut  vom  Rhein”,  als  “Renegaten”  und  sah  “typisches  Rheinländertum  im  verrufenen
Sinne”  am  Werke,  immer  bereit,  Deutschland  an  den  “Erbfeind”  zu  verkaufen.15  Langen,
  von  seinen  Vorfahren  an  Warenaustausch  gewöhnt,  reagierte  mit  Unverständnis.
  Warum  sollte  eine  protektionistische  Haltung  im  Bereich  der  Wirtschaft  allmählich
  abgebaut,  auf  dem  Gebiet  der  Satire  aber  beibehalten  werden?  In  diesem  Sinn  äußerte
  er  sich  1908  dem  französischen  Journalisten  Jules  Huret  gegenüber,  der  ihn  für
die  Leser  des  Figaro  interviewte:

14  Zum  “französischen  Simplicissimus”  vgl.  den  Artikel  von  H.  Abret,  Satire  als  Exportartikel.
  Die  Kontroverse  um  die  “édition  française”  des  Simplicissimus  1908.  In:  Gertrud  Maria
  Rösch  (Hrsg.),  Simplicissimus.  Glanz  und  Elend  der  Satire  in  Deutschland  (Schriftenreihe
  der  Universität  Regensburg  23),  Regensburg  1996,  S.34-48.
15  Rudolf  Borchardt,  Renegatenstreiche.  In:  Süddeutsche  Monatshefte,  5.  Jahrg.,  Heft  6,
S.759-768.

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