Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Gruffudd  ap  Nicholas  fand  hier  um  1450  ein  für  die  weitere  kulturelle
Entwicklung  sehr  bedeutendes  Eisteddfod  statt.60
Die  Stadt  Oswestry  liegt  zwar  in  England,  wurde  jedoch  ausgangs  des  Mittelalters
  von  den  Walisern  als  ,Waliser  London4  gepriesen,  so  stark  war  sie  vom
walisischen  Bevölkerungselement  geprägt.6!  Dabei  war  Oswestry  als  Militärstadt
  gegründet  worden.  Es  fungierte  als  Sammlungsort  der  Shropshire-Ritter
gegen  Wales  und  später  als  Zentrum  der  Anwerbung  walisischer  Truppen  für
den  Kriegsdienst  gegen  Frankreich.62  Doch  schon  im  frühen  14.  Jahrhundert
hatte  es  die  Entwicklung  vom  militärischen  zum  geschäftlichen  Zentralort  abgeschlossen.63
  In  der  Folge  wirkte  die  Stadt  als  Bindeglied  zwischen  den  Kulturen
von  England  und  Wales.  Für  die  Bevölkerung  des  Umlandes  wurde  Oswestry
zu  einer  notwendigen  ersten  Durchgangsstation  auf  dem  Weg  in  erfolgversprechendere
  Städte.64  Ungeachtet  ihrer  Offenheit  für  Waliser,  wurde  die  Stadt  von
Owain  Glyndwr  nahezu  vollständig  zerstört.65  Dennoch  zeigte  sie  sich  auch  in
der  1407  neu  erlassenen  Stadtordnung  offen  für  Waliser;  es  wurden  weder  Beschränkungen
  der  Einbürgerungen  noch  ökonomische  Schranken  gegen  sie  eingeführt.66
  Infolgedessen  wird  Oswestry  als  das  sprechendste  Beispiel  für  die
Synthese  der  Volksgruppen  im  Mittelalter  angeführt.67
Ein  ähnliches  Bild  läßt  sich  für  Ruthin  zeichnen,  eine  Stadt,  deren  Entwicklung
durch  eine  einzigartige  Kontinuität  der  Stadtherrschaft  geprägt  wurde.  Mit  Reginald
  Lord  Grey  of  Ruthin  stellte  1388  die  fünfte  Generation  der  gleichen
Familie  den  Stadtherm;  zwischen  1388  und  1490  herrschten  lediglich  2  Herren,
Vater  und  Sohn  de  Grey,  über  sie.68  Hervorstechend  ist  der  Umstand,  daß  von
der  Gründung  Rulhins  an  und  ungeachtet  der  Glyndwr-Revolte  Waliser  gleich
den  Engländern  freie  Bürger  waren  und  sie  die  Bevölkerungsmehrheit  stellten.69
  Die  Volksgruppen  lebten  völlig  durchmischt;  es  existierte  keine  Welshry
oder  Englishry.  Grundbesitz  wurde  frei  zwischen  den  Volksgruppen  gehandelt
und  wechselte  in  der  gleichen  Straße  von  einer  in  die  andere  und  zurück.70
Lediglich  Finanzwesen,  Gericht  und  Verwaltung  blieben  stets  in  englischer
Hand.  Dabei  erlangten  die  wenigen  englischen  Familien,  die  Ruthin  nicht  als

60 Vgl.  ebd.,  S.  162,  mit  Charles-Edwards,  Sp.  1758.
6!  Vgl,  Smith:  Oswestry,  S.  228.
62  Vgl.  ebd.,  S.  222.
63  Vgl.  ebd.,  S.  223  f.
64  Vgl.  ebd.,  S.  221  bzw.  235.
65  Siehe  ebd.,  S.  226.
66  Vgl.  ebd.,  S.  234.
67  Siehe  ebd.,  S.  220  f.
68  Vgl.  Jack:  Owain  Glyndwr,  S.  305,  und  ders.:  Ruthin,  S.  259.
69  Vgl.  ebd.,  S.  250.
70  „There  was...  a  vigorous  market  in  land  and  burgages  in  which  race  was  irrelevant.“  Jack:
Ruthin,  S.  250,  zu  vgl.  mit  S.  252,  und  mit  dems.:  Owain  Glyndwr,  S.  306  f.

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