Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen (29)

sehe“ Sprache erlernen konnten. 19 Sofern die Hanse selbst jedoch in diplomati¬ 
sche Verhandlungen gezogen wurde, beispielsweise mit Dänemark oder Eng¬ 
land, schätzte man „das Latein als traditionelle Verhandlungssprache“; es wurde 
im ausgehenden 15. Jahrhundert, wie unlängst Barbara Hoen belegen konnte, 
durchaus noch „als über den einzelnen Volkssprachen stehende middelsprake 
verstanden.“19 20 Im Hinblick auf die deutsche bzw. mittelniederdeutsche Sprache 
ist Hoens zusätzliche Feststellung wichtig genug, daß „ein abgrenzendes oder 
gar kämpferisches Sprachbewußtsein ... sich aber in diesem Kontext nicht 
nach weisen“ lasse.21 
Von der Sprache vor Gericht sind wir mit Hinweisen auf die Hanse zum kauf¬ 
männischen und partiell administrativen Bereich übergegangen. Mit Blickrich¬ 
tung nach Westen und in die dortigen Grenzregionen soll der angeschnittene 
Komplex noch etwas näher betrachtet werden. In der Verwaltungspraxis der 
vorrangig französischsprachigen Stadt Metz wurden die amtlichen Schreiben in 
Romanisch verfaßt, von deutschen Partnern empfing man Briefe in deutscher 
Sprache - getreu dem Grundsatz: Man schreibt in der eigenen Sprache und setzt 
voraus, daß „ein Empfänger im anderen Sprachgebiet zur Übersetzung fähig 
ist“22 - [so verfahren auch wir heute im Regelfall und erleben mitunter böse 
Ü berraschungen! ]. 
Im spätmittelalterlichen Metz übersetzte man zusätzlich deutsche Schreiben für 
den Rat (und wohl auch für die Akten) ins Romanische, teils frei, teils para- 
phrasierend, teils vor allem fehlerhaft. Die Stadt besoldete für diese Tätigkeit 
eigens betraute Übersetzer, und zwar in durchaus anspruchsvoller Weise. Dieses 
Verfahren wurde jedoch nicht allenthalben praktiziert. Emst Karpf hat nämlich 
1987 darauf hingewiesen, daß „in den sprachlich geteilten Territorien ... die 
Kanzleien über bestimmte Schreiber und Sekretäre (verfügen), die beide Spra¬ 
chen perfekt beherrschen und so die Sprache des jeweiligen Adressaten 
(jedenfalls solange er kein Angehöriger der gleichen herrschaftlichen Verwal¬ 
tung ist) respektieren bzw. in umgekehrter Richtung dessen Schriftstücke un¬ 
mittelbar bearbeiten können.“23 Vielleicht kommt in diesen Fragen den Metzer 
Übersetzern eine herausgehobene Bedeutung zu, während schon die benachbarte 
Bischofsstadt Verdun im ausgehenden 15. Jahrhundert nicht über hinreichende 
Übersetzerfähigkeiten mehr verfügte. Sie ließ nämlich „etwa die zwischen dem 
19 Johansen, Paul und von zur Mühlen, Heinz: Deutsch und Undeutsch im mittelalterlichen 
und frühneuzeitlichen Reval (Ostmitteleuropa in Vergangenheit und Gegenwart 15), 
Köln/Wien 1973, S. 375. 
20 Hoen, B. (wie Anm.18) S. 148. 
21 Ebd. 
22 Karpf, Emst: „Zu administrativen und kulturellen Aspekten der Sprachgrenze im spät¬ 
mittelalterlichen Herzogtum Lothringen“, in: Rheinische Vierteljahrsblätter 51 (1987), S. 
167-187, hierS. 184 f. 
23 Ebd. S. 184. 
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