Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Da im Rahmen eines so weitgefaßten Themas wie der Sprachenpolitik im Mit¬ 
telalter allenfalls deren Vorhandensein belegt und ein gewisser Überblick ange¬ 
strebt werden kann, muß sich diese Skizze auch bei Teilaspekten auf Andeu¬ 
tungen beschränken, sofern die Quellen- und Forschungslage es überhaupt er¬ 
lauben. Zweisprachigkeit ist grundsätzlich in sprachlichen Mischzonen sowie in 
Grenzregionen gegeben. Im slawisch-deutschen Siedlungsraum ist sie hingegen 
nicht selbstverständlich. So sah der Sachsenspiegel für die Sprache vor Gericht 
unterschiedliche Verfahren vor, wenn der Slawe bzw. Wende des Deutschen 
nicht mächtig oder aber zweisprachig war. Letzterer hatte keinen Anspruch dar¬ 
auf, in seiner Muttersprache angesprochen zu werden. Daraus ergaben sich 
mancherlei Komplikationen, die noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
zu Einschränkungen bei der Verwendung des Wendischen vor Gericht führten. 
Hans K. Schulze, der 1980 diese Zusammenhänge untersucht hat, wertete die 
Einschränkungen jedoch „kaum als Ausdruck einer nationalistischen Einstellung 
oder gar einer bewußten ,Sprachpolitik* ..., sondern eher als den Versuch, die 
Funktionsfähigkeit der Rechtsprechung zu sichern. Die meisten Richter waren 
ohne Zweifel deutscher Herkunft, und es dürfte ihnen schwer gefallen sein, eine 
in slavischer Sprache geführte Gerichtsverhandlung zu leiten, und in gleicher 
Weise dürfte das auch für die Schöffen gegolten haben. Ein Verfahren in deut¬ 
scher Sprache war leichter durchzuführen, und deshalb sollten Wenden, die des 
Deutschen mächtig waren, eine Klage nicht dadurch abweisen können, daß sie 
sich auf ihr Recht beriefen, in ihrer Muttersprache angesprochen zu werden.“!2 
Obwohl also eine über sehr lange Zeiten kolportierte These vom „Verbot des 
Wendischen als Gerichtssprache“ - mitunter angeblich gar unter Androhung der 
Todesstrafe - nicht zu belegen und somit unhaltbar ist, lassen sich technische 
Erleichterungen, die sich sozusagen zu systemimmanenten Zwängen steigern 
konnten, in ihren sprachlichen Auswirkungen nicht ganz wegdisputieren; inso¬ 
fern waren sie gewiß auch politisch nicht irrelevant. Ohnehin sollte man die 
mitunter vielfältigen Auswirkungen von eher schlichten technischen Anwei¬ 
sungen oder Regelungen nicht unterschätzen, selbst wenn diese zunächst nicht 
als sprachenpolitisch anzusehen sind. Vielleicht gehört in diesen Zusammen¬ 
hang auch eine Maßnahme Rudolfs von Habsburg. Johann von Viktring berich¬ 
tet nämlich, König Rudolf habe auf seinen frühen Hoftagen angeordnet, man 
solle Privilegien künftig in der Volkssprache abfassen, weil das schwierige La¬ 
tein Irrtümer und größte Zweifel produziere und die Laien betrüge (Decretum 
in hiis curiis fuit, ut privilegia vulgariter conscribantur, quia Latinitatis diffi¬ 
cultas errores et dubia maxima pariebat et laycos decipiebat,)12 13 In dieser Nach- 
12 Schulze, Hans K.: „Slavica Lingua Penitus Intermissa. Zum Verbot des Wendischen als 
Gerichtssprache“, in: Grothusen, K.-D. u. Zemack, K. (Hrsg.): Europa slavica - Europa 
orientalis. Festschrift für Herbert Ludat zum 70. Geburtstag, Berlin 1980, S. 354-367, 
hier S. 360. 
13 Johann von Viktring, Liber certarum historiarum II, 4 Rec.A (ed. Schneider, F.: MG 
SSrG 36, 1909, S. 221). — Vgl. Schneider, Reinhard: „Das Königtum als Integrations- 
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