Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

sei  hier  abgesehen,  zumal  kein  ähnlich  deutliches  Herrscherinteresse  wie  bei
Chilperich  und  Karl  dem  Großen  belegbar  ist  und  unser  Hauptaugenmerk  ohnehin
  Beispielen  mittelalterlicher  Sprachenpolitik  gelten  soll.
Auf  Karl  den  Großen  ist  jedoch  auch  hierbei  hinzuweisen.  Michael  Richter  hat
1982  herausgearbeitet,  daß  Karl  in  drei  Bereichen  Sprachenpolitik  betrieben
habe,  nämlich  zur  „Reform  des  Latein  als  Schriftsprache  seit  789,  deren  wichtigstes
  Ziel  die  Sicherung  der  Rechtgläubigkeit  nach  römisch-lateinischem
Vorbild  war“,  ferner  „als  Förderung  des  Latein  als  lingua  Romana,  als  geschriebene
  Version  der  Umgangssprache  im  westlichen  und  südlichen  Frankenreich“
  und  schließlich  „als  Förderung  der  germanischen  Volkssprache,  auch  in
schriftlicher  Aufzeichnung“.5  Bezogen  auf  frühmittelalterliche  Rahmenbedingungen
  war  dies  ein  riesiges  Unterfangen,  das  auch  nie  voll  realisiert  wurde,
wohl  aber  staunenswerte  Spuren  hinterließ.
Das  Frankenreich  war  immer  ein  Vielvölkerstaat,  auch  seine  Nachfolgereiche
behielten  einen  polyethnischen,  gar  multinationalen  Charakter,  was  vor  allem
für  das  fränkisch-deutsche  und  später  römisch-deutsche  Reich  des  Mittelalters
gilt.  Reiche  solcher  Struktur  sind  immer  vielsprachig,  mindestens  zeichnen  sie
sich  durch  große  Dialektunterschiede  aus,  die  ein  allgemeines  Verstehen  erschweren.
  Seit  langem  meint  man,  daß  nur  das  Latein  allen  Herrschaftsträgem
und  insbesondere  der  Kirche  geläufig  war,  sich  daher  als  kirchliches  Kommunikationsmittel
  ebenso  wie  für  zwischen-  und  eben  auch  innerstaatliche  Kommunikation
  eignete.  An  sehr  verbreiteten  Lateinkenntnissen  darf  man  aber  auch  bei
den  gehobenen  klerikalen  wie  vor  allem  bei  den  weltlichen  Kreisen  zweifeln.
Solcher  Zweifel  ist  wenig  angebracht,  wenn  es  nur  um  den  Minimalbedarf  an
Lateinkenntnissen  von  Geistlichen  geht.  Über  den  liturgisch  gebotenen  Rahmen
hinaus  verfügten  gewiß  viele  Kleriker  über  gute  Sprachkenntnisse,  häufig  sogar
über  glänzende.  Weltliche  Personen  mit  entsprechendem  Bildungsstand  bildeten
eher  die  Ausnahme,  doch  sind  hier  wie  dort  zahlenmäßige  Größenordnungen
nur  sehr  schwer  abschätzbar.  Immerhin  ergeben  sich  gewisse  Annäherungswerte,
  weil  die  Frage  nach  lateinischen  Sprachkenntnissen  sich  weitgehend  mit
jener  Frage  kreuzt,  wer  denn  überhaupt  im  Mittelalter  lesen  und  schreiben
konnte.  Für  sie  hat  Alfred  Wendehorst  1986  herausstellen  können,  daß  der  Anteil
  derer,  die  kursiv  schreiben  konnten  bzw.  die  Gebrauchsschrift  beherrschten,
im  Reich  des  ausgehenden  15.  Jahrhunderts  bis  zum  Beginn  der  Reformation
annähernd  10-30  %  der  städtischen  Bevölkemng  betragen  haben  dürfte.6  Im
Früh-  und  Hochmittelalter,  als  man  fast  ausschließlich  Latein  schrieb,  waren  die
Anteile  aber  weitaus  geringer.

Richter,  Michael  (wie  Anm.  2)  S.  436.
Wendehorst,  Alfred:  „Wer  konnte  im  Mittelalter  lesen  und  schreiben?“,  in:  Fried,  J.
(Hrsg.):  Schulen  und  Studium  im  sozialen  Wandel  des  hohen  und  späten  Mittelalters,
Sigmaringen  1986  (Vorträge  und  Forschungen  30),  S.  9-33,  hier  bes.  S.  32,

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