Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

ethnischer  Heterogenität  so  gut  die  Zeiten  überdauert,  weil  politische  Grundeinheiten
  nicht  die  Volksgruppen  als  solche  waren,  sondern  historisch  gewachsene
  und  mit  eigener  politischer  Identität  versehene  Kantone;  Konfliktlinien
(und  Koalitionsbildungen)  verliefen  immer  quer  über  die  (sprachlich-ethnische)
Trennlinie  zwischen  Deutschschweiz  und  Romandie  (siehe  auch  Hughes  1993,
154  ff.).  Umgekehrt  ist  es  noch  völlig  ungewiß,  ob  ein  genau  parallel  zur  ethnisch-kulturellen
  Konfliktlinie  auch  territorial  in  zwei  Grundeinheiten  zerlegter
Staat  wie  Belgien  auf  Dauer  überlebensfähig  sein  wird.
Sprachenpolitik  darf  also  -  dies  ist  die  eigentliche  Folgerung  -  nicht  verabsolutiert
  werden,  sondern  bedarf  der  Einbettung  in  ein  funktionsfähiges  staatsorganisatorisches
  Modell,  das  den  Rahmen  für  die  Integration  aller  gesellschaftlich
relevanten  Gruppierungen  schafft.  Denken  wir  Sprachenpolitik  zu  Ende,  so
landen  wir  damit  in  Grundfragen  der  Staatstheorie,  rühren  an  den  Identitätskem
der  europäischen  Verfassungsordnungen.  Das  Selbstverständnis  des  klassischen
Nationalstaates  steht  in  Frage,  suchen  wir  nach  angemessenen  Formen  der  Sprachenpolitik.


VI. Schlußfolgerungen
Diese  Einsicht  ist  alles  andere  als  bahnbrechend,  sie  ist  im  Gegenteil  so  alt  wie
der  Kampf  um  die  Idee  des  Nationalstaates.  Um  dies  zu  belegen,  seien  die  hier
vorgebrachten  Überlegungen  zur  Minderheitenfrage  mit  einigen  Sätzen  des  Historikers
  Lord  Acton  beschlossen.  John  Emmerich  Edward  Dalberg-Acton,  ein
Aristokrat  italienisch-deutsch-britischer  Abstammung,  als  britischer  Katholik
zugleich  selbst  Angehöriger  einer  diskriminierten  Minderheit,  schrieb  1862,  in
einem  Essay,  der  von  geradezu  alteuropäischer  Skepsis  gegenüber  dem  Projekt
des  Nationalstaates  durchdrungen  ist:  „Der  größte  Feind  der  Rechte  der  Nationalitäten
  ist  die  Theorie  von  der  Nation.  Indem  man  den  Staat  und  die  Nation
in  der  Theorie  miteinander  verschmilzt,  reduziert  man  praktisch  alle  anderen
Nationalitäten  innerhalb  der  Grenzen  des  Staates  zu  bloßen  Störfaktoren.  Es
kann  ihnen  nicht  mehr  Gleichheit  erlaubt  werden  mit  der  herrschenden  Nation,
die  den  Staat  bildet,  denn  der  Staat  würde  dann  aufhören,  national  zu  sein,  was
ein  Widerspruch  zu  seinem  Existenzprinzip  wäre“  (Acton  1949,  192  f.  -  Übersetzung
  durch  den  Autor).  Wenn  man  aber  gerade  die  Schaffung  von  Freiheit
zur  Verwirklichung  moralischer  Verantwortung  für  das  eigentliche  Ziel
menschlicher  Gesellschaft  halte  („If  we  take  the  establishment  of  liberty  for  the
realisation  of  moral  duties  to  be  the  end  of  civil  society“,  wie  es  im  Englisch
des  19.  Jahrhunderts  so  unnachahmlich  heißt),  dann  sei  derjenige  Staat  im  Kern
am  perfektesten,  der  mehrere  verschiedene  Nationalitäten  einschließe,  ohne  sie
zu  unterdrücken.  „Ein  Staat,  der  unfähig  ist,  den  Belangen  verschiedener  Völker
  Genüge  zu  tun,  verurteilt  sich  selbst;  ein  Staat,  der  darauf  hinarbeitet,  sie  zu
neutralisieren,  zu  absorbieren  oder  gar  auszutreiben,  zerstört  seine  eigene  Lebenskraft;
  ein  Staat,  der  sie  nicht  aufnimmt  und  in  seine  Struktur  einbaut,  be¬59


            
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