* Historisches Bewußtsein ist zeitgebundene „Determinante“ der „Korrelation
von Geschichtsschreibung und kollektiver Identitäts-Vergegenwärtigung“,
Darum führt die Doppelstrategie von „vergangenheitsbezogener Rekonstruktion
und gegenwartsbezogener Systematisierung“ zu Fragen nach der ubiquitären
Funktion für Identitätsvergegenwärtigung, zeitabhängigen Autorposition und
Epochenmarkierung hinsichtlich der zu beschreibenden Gleichzeitigkeit des
Ungleichzeitigen und seiner Vergleichbarkeit in Zeiträumen.35
* Die Reflexion über das Erbe, die spezifisch vielfältig kulturelle Überlieferung
als vielfältiger Teil allgemeiner Tradition, ist als Überprüfung einerseits Symptom
einer Krise des brüchig empfundenen kulturellen Kontinuums, andererseits
Vergewisserung des Identitätsbewußtseins, diese Diskontinuität als Teil
von geschichtlicher Kontinuität begreifend. (Oesterle, Wild) Daraus erwächst
ein modifiziertes Deutungsbedürfnis von Geschichte im Hinblick auf Identitätsbildung
als Kulturkonfrontation/Kulturöffnung, als Interaktion von Teilsystemen4
und ,Weltsystemen4, durch Vermittlung von identitätsstiftenden Traditionen
der Aufklärung und des Historismus. (Rüsen)
* Auf Grund der gegenwärtigen politischen Veränderungen und der davon ausgelösten
Rückfragen nach nationaler Identität, kultureller Autonomie sowie historischer
Identitätsbildung erscheint der Historismus als modifizierbare Sichtweise
und Methode im Gegenzug zu der dominierenden Struktur- und sozialgeschichtlichen
Perspektive auch einschlägiger Literaturgeschichten wieder diskussionswürdig.(Rüsen)
Gehen wir wieder zur Literaturgeschichtsschreibung über. Ihr zentrales Problem
bleibt die Erfassung, Beurteilung und Darstellung des dynamischen Zusammenhangs
von gesellschaftlich-historischen und literarisch-künstlerischen
Gegenständen und Prozessen. Diese Einsicht wendet sich gegen die Dirigierung
von literargeschichtlicher Beschreibung durch Perspektiv Vorgaben nationalkultureller
Prämissen, stammeskundlich-genetischer des Germanisch-Völkischen,
metaphysisch-geschichtsphilosophischer und geistesgeschichtlicher. Darum wird
seit den siebziger Jahren der Diskurs dazu durch die Erweiterung des Literaturbegriffs,
durch sozial- und funktionsgeschichtliche, rezptionsästhetisch-kommunikative,
mentalitätshistorische Überlegungen und Realisierungen bestimmt,
bis hin zu den Konsequenzen, aus poststrukturalistischer Sicht das Einheitsprinzip
von Geschichte in Frage zu stellen.
Vor dem Hintergrund ergeben sich für gegenwärtige Konzeptionen von Literaturgeschichte
Problembereiche, wie sie vergleichbar bei Fohrmann, Voßkamp,
35 Gumbrecht: Posthistoire (Anm. 34), S. 34f.
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