Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

3.  Es  ist  nur  konsequent,  wenn  die  vor  allem  von  der  rumäniendeutschen  Kritik
schon  zu  Beginn  der  siebziger  Jahre  angeregten  Konzepte  einer  interferentiell
eingerichteten  Methode  von  Peter  Motzan,  Gerhardt  Csejka,  Michael  Markei
u.a.  angewandt,  dann  vom  Verfasser,  von  Norbert  Mecklenburg  und  Walter
Schmitz  aufgegriffen  worden  sind.  Schmitz  folgert  für  die  spezifisch  regional
eingerichteten  Konzepte  deutschsprachiger  Kultur,  bestimmt  durch  die  komplementären
  Bedingungen  von  Regionalität  und  Integration  sowie  der  Prinzipien
  von  Alterität  und  Differenz,  die  thematisch-strukturell  davon  bestimmte
Einbettung  solcher  Literatur  in  die  vorstellbare  „Topologie  einer  deutschen
Kultur,  gegliedert  in  differierende  Regionen  und  Sinnräume“.32  Diesen  Zusammenhang
  hat  Mecklenburg  differenziert,  indem  er  vom  Prinzip  der  Regionalität
  von  Kultur  ausgeht  und  daraus  methodische  Konsequenzen  für  die  Analyse
  auch  deutschsprachiger  Literaturen  im  Ausland  zieht:  das  literarische  Phänomen
  ist  aus  ,kulturwissenschaftlicher  Perspektive  contra  ästhetischer  Wertung1
  zu  deuten  und  nach  seiner  Funktion  von  welthaltiger  Provinzdarstellung
zu  befragen.33  Dabei  sind  -  wie  bereits  erläutert  -  die  einschränkenden  gesellschaftspolitischen
  und  soziokulturellen  Bedingungen  von  Minderheiten  im
Hinblick  auf  die  vorästhetischen  Bedingungen  von  Politik,  Kultur  und  Kommunikation,
  die  sozialintegrative  Funktion  und  die  historisch-hermeneutischen
Dimensionen  von  Produktion  und  Rezeption  zugrundezulegen.
4.  Die  Wertungsfrage  läßt  sich  daran  orientieren,  was  Mecklenburg  über  die
mimetisch-poetische  Ästhetik  gesagt  hat,  wenn  sie  auf  erzählerische  Darstellungen
  aus  der  Provinz  und  von  Provinz  bezogen  wird.  Dieser  Ansatz  ist  auszuweiten
  vom  regionalistischen  Erzählgegenstand  auf  die  regionalistische,  von  Produktion
  und  Rezeption  gesteuerte  Autorperspektive,  die  sich  regionaler,  überregionaler,
  dabei  eigenkultureller,  aber  auch  fremdkultureller,  aktueller,  ebenso
tradierter,  adaptierter  Themen  bedienen  kann.  Das  eingeschränkte  Potential  von
Autorperspektiven,  Themen  und  Inhalten,  Formen  und  Sprachgestaltung  macht
ebenso  einen  erheblichen  Teil  der  Schwierigkeiten  von  Wertung  und  Kanonisierung
  aus  wie  das  relativ  offene  Sozialsystem  von  Literatur  begrenzter  Literatursouveränität
  unter  den  dynamischen  Verhältnissen  intra-  und  interkulturellen
Handelns.

m
Die  folgenden  Ausführungen  versuchen,  grundsätzliche  Zusammenhänge  von
Literatur,  Geschichte  und  Literaturgeschichte  mit  sachlich  gebotenen,  pragma¬32

  Vgl.  Schmitz,  Walter:  „Regionalität  und  interkultureller  Diskurs:  Beispiele  zur
Geschichtlichkeit  ihrer  Konzepte  in  der  deutschen  Literatur“,  in:  Thum,  Bernd  und  Fink,
Gonthier-Louis  (Hrsg.):  Praxis  interkultureller  Germanistik.  Forschung  -  Bildung  -
Politik,  München  1993  (Publikationen  der  Gesellschaft  für  Interkulturelle  Germanistik,
Bd.  4),  S.  417-438.
33  Mecklenburg:  Rettung  des  Besonderen  (Anm.  10),  S.  270.

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