rungen mit beispielsweise praktischen Folgen wie stammesgeschichtlich-auslanddeutscher
Ideologie, sozialistisch-realistischer Poetik, rezeptionsästhetischer
Orientierung. Die Literaturkritik folgt in Perspektive, Methode und Begrifflichkeit
im wesentlichen diesen Vorbildern, zeitgleich oder zeitversetzt, vorrangig
adaptierend, weniger modifizierend.
Variiert durch die Dichte des jeweiligen Kommunikationssystems und der spezifischen
kultursoziologischen Verhältnisse lassen sich im grundsätzlichen drei
Spielarten von Literaturkritik erkennen, die - bei unterschiedlichem Einfluß
von interkulturellen und intrakulturellen Bezügen - das Paradigmafeld wertend,
zumeist dichotomisch festlegen: 29 der hermetische Kritikzirkel einer Produktions-/Rezeptionsselbstbestätigung
intellektueller Ausrichtung (elsässische Kritik),
einer intellektuell isolierten, politisch einnivellierenden Ausrichtung
(sowjetdeutsche Kritik) und die um Differenzierung bemühte Kritikszene
(rumäniendeutsche Kritik).30 Wenn also Literaturgeschichte geschrieben werden
soll, dann muß neben der Geschichte von Literaturtheorie/Literaturwissenschaft
vor allem die Geschichte der Literaturkritik als entscheidendes
Steuerungselement für den literarhistorischen Diskurs berücksichtigt werden.
Konsequenterweise bedeuten diese Umstände für wesentliche Aspekte der Literaturkritik
folgendes:
1. Der Kritiker mit seiner so angelegten Orientierung und Leistung wird in seiner
zwiespältigen Mentorfunktion vergleichsweise nachhaltig kulturpolitisch
beeinflußt, und literaturgeschichtliche Abläufe erweisen sich maßgeblich als
Funktion ihrer Wirkung.
2. Da Kritik Lesebedürfnis, Geschmacksbildung, Literaturentwicklung und literarisches
Leben prägt, sind die ungeklärten rezeptionsgeschichtlichen Konditionen
von Wirkung und Rückkopplung verschiedensprachiger Literatur im kulturellen
Interferenzraum zumindest bilingualer Minderheiten zu erforschen, wie
es z. B. für die ungamdeutsche Literatur ansatzweise und mit überraschend negativen
Ergebnissen geschehen ist.31
29 Bürger, Christa: „Einleitung: Die Dichotomie von hoher und niederer Literatur. Eine
Problemskizze“, in: Bürger, Christa/Bürger, Peter und Schulte-Sasse, Jochen (Hrsg.): Zur
Dichotomisierung hoher und niederer Literatur, Frankfurt am Main 1982 (es 1089, N.F.,
Bd. 89), S. 9-39.
30 Vgl. die Aufsätze von Adrien Finck zur elsässischen Literatur, von Comel Meder zur
luxemburgischen (in: Hury, Carlo (Hrsg.): Nachrichten aus Luxemburg, Hildesheim
1979 (Ausländsdeutsche Literatur, Bd. 11), S. 4-18), von Alexander Ritter zur sowjetdeutschen
und von Norbert Otto Eke zur rumäniendeutschen Literatur.
31 Breier, Susanne: „Die ungamdeutsche Literatur und ihr Publikum“, in: Szabö/Schuth
(Hrsg.): Ungarndeutsche Literatur (Anm. 25), S. 176-182.
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