Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

läufig  in  eine  komplexe  Diskussion,  weil  philologische  Beschäftigung  mit  ihm
selten  von  übergeordnetem,  international  vergleichbarem,  den  Gedankenaustausch
  suchendem  wissenschaftlichen  Interesse  bestimmt  wird.  Dies  ist  eine
praktische  Folge  der  doppelten  Randposition  zu  Sprache  (Deutsch,  Nationalsprache)
  und  Gesellschaft  (Herkunftsstaat,  Heimatstaat)  in  ihrer  Insel-  oder
Nachbarlage  sowie  des  fehlenden  souveränen  Literaturstatus.28  Und  die  Zuordnungsumstände
  ergeben  sich  immer  noch  aus  nationalterritorialen,  sprachdominanten
  und  literaturgesellschaftlichen  Bestimmungen  und  Reklamationen
von  Nationalliteratur.  Folglich  ist  es  für  die  interkulturelle  Perspektive
zwingend,  sich  bewußt  zu  machen,  welchen  multiperspektivischen  Bedingungen
sich  der  Literarhistoriker  aussetzt,  wenn  er  beispielsweise  nachfragt,  wie  ein
rußlanddeutscher  Kritiker,  philologisch  kompetent  oder  inkompetent,  in  Moskau,
  ein  deutscher  Germanist  oder  Slawist,  ein  kasachischer  oder  Südtiroler
Kritiker  den  rußlanddeutschen  Autor  ukrainischer  Geburt,  den  Pariser  Schriftsteller
  elsässischer  Herkunft  und  bilingualer  Schreibleistung,  den  deutschen
Autor  rumäniendeutschen  Ursprungs,  z.B.  Sebastian  Brant  und  Johannes  Tauler
aus  dem  Elsaß  literargeschichtlichen  Koordinaten  zuteilt.  Damit  sind  Probleme
der  Literarhistorie  sowie  der  Zuordnung  mit  ihren  Bedingungen  von  Biographie,
  Ortsansässigkeit,  nationalstaatlicher  Zugehörigkeit  und  gesellschaftspolitischem
  wie  künstlerischem  Selbstverständnis,  von  Sprachverwendung,  Themen-,
Stoff-,  Theorie-  und  Vorbildorientierung,  Teilnahme  am  Literaturleben,  Verlegerwahl
  und  Rezeption  indirekt  genannt.  Diese  Kriterien  erweisen  sich  vor  allem
  dann  als  unverzichtbar,  wenn  über  Zuordnung  von  Autoren  zu  urteilen  ist,
die  in  den  binnendeutschen  Sprach-  und  Literaturraum  eingewandert  sind  (z.B.
Dieter  Schlesak,  Richard  Wagner,  Herta  Müller).
Literargeschichtliche  Zuordnung  ist  wesentlich  Folge  einer  literarkritisch  interpretierenden,
  reflektierenden  und  wertenden  Auseinandersetzung  mit  Literatur.
Die  minderheiteninteme  wie  externe  wissenschaftliche  und  journalistische  Literaturkritik
  hat  in  kulturell  insularen  Minderheitenkulturen,  auch  in  der  Variante
politischer  Abschirmung  und  dekretierter  Literaturszene,  maßgeblichen  Einfluß
auf  die  Literaturgesellschaft  und  ihre  kulturelle  Kommunikation.  Weil  sie  von
dem  der  Minderheitenkultur  strukturell  immanenten  Dilemma  einer  Selbstfixierung
  und  Fremdperspektive,  von  numerisch  kleiner  künstlerisch-kritischer  Intelligenz
  und  breiter  unterdurchschnittlich  literarisierter  Leserschaft,  den  Implikationen
  der  Personalunion  von  Autor  und  Kritiker,  der  überwiegend  fehlenden
Diskurskonkurrenz  gleichermaßen  ausgesetzt  ist,  hat  sie  damit  auch  bei  ihrer
Kompetenzentwicklung  damit  umzugehen.  Diese  ist  jedoch  überwiegend  eine
Folge  des  historisch  wechselnden  doppelten  außenkulturellen  Einflusses  durch
Politik,  Historismus,  Nationalismus,  Ästhetizismus,  Postivismus  u.a.  Orientie¬28

 Gerhardt  Csejkas  Einschätzung  mit  dem  Begriff  der  ,Sondersituation‘  gÜt  immer  noch:
„Der  Mut  zur  Unfertigkeit.  Interview  mit  Gerhardt  Csejka  von  Helmut  Lehrer“,  in:
Reichrath,  Emmerich  (Hrsg.):  Reflexe  II.  Aufsätze,  Rezensionen  und  Interviews  zur
deutschen  Literatur  in  Rumänien,  Cluj-Napoca  1984,  S.  21.

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