Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Und  noch  einmal:  Diese  Zusammenhänge  sind  für  die  literargeschichtliche  Retrospektive
  immer  in  ihrer  Historizität  zu  begreifen,  gruppenkulturell  verschieden
  geordnet  und  gewichtet  anzunehmen.  Das  schlägt  sich  u.  a.  formelhaft  faßbar
  in  den  Bezeichnungsvariationen  nieder.  Herold  Beiger,  Ernest  Wichner,
Michael  Markei  irren  genauso  wie  Harald  Weinrich,  wenn  sie  die  Etikettierungsfrage
  für  Minderheitenliteraturen  als  belanglos  bezeichnen.* 26  Minderheitenidentität
  dokumentiert  sich  wesentlich  auch  in  Literaturidentität  und  der  Bezeichnung
  von  Literatur  dieser  Minderheit,  weil  Namengebung  objektivierende
Bezeichnungsgeste  und  Positionssignal  ist,  Selbst-  oder  Fremdverständnis  im
Zusammenhang  mit  der  jeweiligen  kulturpolitischen  Einschätzung,  der  Repräsentationsqualität
  und  der  Affinität  zum  deutschen  Literaturraum  dokumentiert,
sich  programmatisch  versteht.  Die  Begriffsgeschichte  von  ,deutsch-amerikanisch4,
  ,rumäniendeutsch4.  ,elsässisch4,  ,sowjetdeutsch4,  ,auslanddeutsch4
demonstriert  die  perspektivisch  gemeinten  Implikationen,  mit  denen  z.  B.  Literaturidentität
  dokumentierend  bestätigt,  historisch  verankert,  ideologisch  fixiert
und  eliminiert  werden  kann,  von  Funktionären  der  Minderheit  geplant,  aus  der
regionalen  Tradition  begriffen,  von  der  Heimatnation  diktiert,  von  der  Herkunftsnation
  oktroyiert.27  Firmierungen  sind  Formeln  der  beanspruchten  oder
politisch  vermeintlichen  Besonderheit,  weil  eine  Transformation  zur  eigenen
dominanten  Nationalliteratur  nicht  realisierbar  ist  und  das  Aufgehen  in  der  literarischen
  Universalität  des  Nationalstaates  ausgeschlossen  oder  geplant  wird.
Literaturgeschichte  definiert  Literaturen,  ordnet  sie  literarhistorischen  Systematisierungen
  zu  und  gerät  darum  hinsichtlich  unseres  Gegenstandes  zwangs¬Südostdeutschen

  Kulturwerks,  Reihe  B:  Wissenschafüiche  Arbeiten,  Bd.  64);  zur  ungarndeutschen
  Literatur  vgl.  u.a.:  Metzler,  Oskar:  Gespräche  mit  ungarndeutschen  Schriftstellern,
  Budapest  1985;  Szabö,  Jänos  und  Schuth,  Johann  (Hrsg.):  Ungarndeutsche
Literatur  der  siebziger  und  achtziger  Jahre.  Eine  Dokumentation,  Budapest/München
1991.  Siehe  die  Beiträge  von  Metzler  (S.  93ff.),  Seiffert  (S.  188ff.),  Fischer  (S.  204ff.).
Die  Überlegungen  von  Jänos  Szabö  in  diesem  Band  und  seine  weiteren  Veröffentlichungen
  bilden  die  philologisch  positive  Ausnahme.
26  Ackermann,  Irmgard  und  Weinrich,  Harald  (Hrsg.):  Eine  nicht  nur  deutsche  Literatur.
Zur  Standortbestimmung  der  „Ausländerliteratur",  München  1986  (Serie  Piper  Bd.
589),  S.  98f.
27  Vgl.  u.a.  das  Konzept  von  Beiger  sowie  den  variierenden  Umgang  mit  dem  Begriff
,sowjetdeutsch4  (Anm.  2);  Jürgen  Engler:  „Ungamdeutsche  Literatur  oder  deutschsprachige
  Literatur  Ungarns?“  in:  Ungarndeutsche  Literatur  (Anm.  25),  S.  124ff.;
Schuller-Weber,  Annemarie:  „Nationale  Identität  im  kulturellen  Wandel.  Bedürfnis  nach
kultureller  Selbstbestätigung:  die  Rumäniendeutschen“,  in:  Zeitschrift  für  Kulturtausch
45(1995),  H.l,  S.  55-63;  Grünefeld,  Hans-Dieter:  „Wahlheimatliteratur.  Rezeption  literarischer
  Texte  der  Migration“,  in:  Ebd,  S.  105-112;  Hoisie-Corbea,  Andrei:  Rumäniendeutsche
  Literatur  -  Dekonstruktion  eines  ideologischen  Begriffes  (ungedr.  Typoskript;
Vortrag  anläßlich  des  IVG-Kongresses/Vancouver  1995).

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