Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

verstandenem  Selbstwert,  irritiertem  Rückzug  innerer  und  äußerer  Emigration,
Zensur  und  Selbstzensur.  In  Staaten  zentralistischer,  ideologisierter  Kulturpolitik
  wie  in  Rumänien,  der  Sowjetunion,  dann  -  seit  der  Jahrhundertwende  vorbereitet
  -  auch  im  Dritten  Reich,  ist  deutschsprachige  Literatur  im  Ausland
politisch  funktionalisiert,  ihre  Wertung  dirigiert,  sind  die  Publikationssysteme
kontrolliert,  Menge  und  politisch  genehme  Themen  stimuliert  worden,  deren
Urheber  der  Parteilichkeit,  weniger  der  künstlerischen  Fähigkeit  wegen  Förderung
  erfuhren.  So  vollzog  sich  in  der  UdSSR  die  politpoetologische  Kollektivierung4
  für  die  als  »sowjetisch4  attribuierte  deutsche  Literatur  spätestens  mit
dem  Moskauer  Schriftstellerkongreß  von  1934,  einen  Literaturbetrieb  organisatorisch
  (Wolgarepublik  als  Kulturzentrum),  quantitativ  und  qualitativ  erst  etablierend,
  ideologisch  einbindend,  darin  nachwirkend  in  Autordefinition,  Kunstverständnis
  und  Literaturkritik  bis  in  die  postkommunistische  Zeit.  Praktisch
zeitgleich  entwickelte  sich  im  Dritten  Reich  in  der  Folge  von  Josef  Nadler,  Karl
Kurt  Klein  und  Heinz  Kindermann  und  der  NS-Literaturpolitik  ein  entsprechend
  zentralistischer  Zugriff,  indem  man  diese  Literaturen  als  »auslanddeutsche,
  Volksdeutsche4  dem  »großdeutschen4  Kulturraum  einfügte,  germanistische
Zuwendung  unter  NS-Vorzeichen  weckte  und  steuerte,  in  der  philologischen
Haltung  kontraproduktiv  noch  heute  wirksam.24
Literaturhistoriker  haben  also  die  Politik  zu  beachten,  welche  Literatur  von
Minderheiten  entstehen,  vergehen,  verformen  lassen  kann.  Und  sie  werden  berücksichtigen
  müssen,  daß  politische  Einflußnahme  den  literarkritischen  und
poetologischen  Diskurs  einfärbt,  Kriterien  verschiebt,  Korrektheit  bricht,  Wertungstraditionen
  bildet  und  auflöst,  philologische  Mimikry  fordert,  -  d.h.  literargeschichtliche
  Umstände  mitschafft,  die  terminologisch,  methodisch  z.T.
ideologiekritisch  unreflektiert  nachwirken,  Rezeption  von  heute  behindern,
zumindest  beeinflussen,  wie  es  z.B.  an  der  ungamdeutschen  Literatur  und  ihrer
vielstimmigen  Darstellung  erkennbar  ist.25

24  Ritter,  Alexander:  ,Aspekte  der  kulturpolitischen  und  wissenschaftlichen  Nutzung  »auslanddeutscher
  Literatur4  während  der  NS-Zeit.  Prolegomena  zur  Rezeptionsanalyse“,  in:
Zeitschrift  für  Literaturwissenschaft  und  Linguistik  (LiLi),  24.1994,  H.  95,  S.  62-78;
Hopster,  Norbert/Josting,  Petra:  Literaturlenkung  im  „Dritten  Reich".  Eine  Bibliographie,
  Bd.  1,  Hildesheim  1993.  Bd.  2,  Hildesheim  1994;  Autorenkollektiv  unter  Leitung
von  Willi  Beitz:  Einführung  in  die  multinationale  Sowjetliteratur,  Leipzig  1983  (vgl.:  Die
Literaturen  der  Völker  Sibiriens,  S.  316-330).
25  Vgl.  hierzu  die  vorsichtigen  Hinweise  des  Autors  Peter  Motzan,  der  selbst  Literaturgeschichte
  unter  Zensurbedingungen  der  sozialistischen  Diktatur  Rumäniens  geschrieben
hat:  „Was  aber  stiften  die  Literaturhistoriker?  Ausschweifende  Überlegungen  zu  einer
Literaturgeschichte  und  einem  Tagungsband“,  in:  Südostdeutsche  Vierteljahresblätter
44(1995),  H.2,  S.  125-139;  Motzan,  Peter  und  Sienerth,  Stefan  unter  Mitwirkung  von
Heuberger,  Andreas  (Hrsg.):  Worte  als  Gefahr  und  Gefährdung.  Fünf  deutsche  Schriftsteller
  vor  Gericht  (15.  September  1959  -  Kronstadt!Rumänien).  Zusammenhänge  und
Hintergründe  -  Selbstzeugnisse  und  Dokumente,  München  1993  (Veröffentlichungen  des

387
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.