auch die von Mahlberg allgemein geforderte „authentisch verbindliche soziale
Funktion“,19 ein Desiderat, das auch André Weckmann sinngemäß meint, wenn
er sagt: „Dichter sein im Elsaß heißt heutzutage dem Volk dienen in seiner
ureigenen Sprache“ und nicht mit ,elitärer Literatur und zerebraler Gymnastik1.20
Das klingt alles plausibel, verkürzt dabei jedoch die tatsächliche Bedeutung
der komplizierten Biographien intellektueller, innovativer Autoren,
welche vom mehrschichtigen Dilemma individueller Begabung und literarischer
Leistung, begrenztem Rezeptionshorizont der Minderheit und literargesellschaftlich
attraktiver Öffentlichkeit des binnendeutschen Literaturmarktes geprägt
werden. In ihren Lebensläufen verschleifen sich individuelles Kunstverständnis
und Schriftstellertun mit zahlreichen Implikationen von Literatur,
Sprache, Politik, Heimatwechsel, Kulturkritik in „sich überkreuzende Bewußtseinszustände“
und zu „sich überkreuzenden Sprachzuständen“, wie es Dieter
Schlesak für sich eindrucksvoll darlegt.21
Gerade Weckmann hat mit seinen zahlreichen kulturpolitischen Initiativen verdeutlicht,
daß die Entscheidung über literaturgesellschaftliche Entwicklung wesentlich
bei den Schriftstellern und Kritikern liegt und den von ihnen rezipierten,
abgewehrten, geförderten oder geduldeten poetologischen wie politischen
Einflüssen als Funktion von Ethnizitätsstatus und Demokratisierungsgrad.
Einige Hinweise können dies verdeutlichen. Die Frage nach einer oder vier, sogar
fünf und mehr deutschen Literaturen, vor allem in der Folge des nationalliterarischen
Anspruchs der DDR und von wissenschaftlichen Überlegungen in
Österreich angeregt, mag aus deutscher Sicht müßig sein,22 ist für den Orientierungszwang
von Minderheiten jedoch eine relevante Debatte, weil für diese die
sog. binnendeutsche Literaturszene unverzichtbarer Bestandteil des eigenen Literatur-
und Kritikverständnisses ist, damit auch von literargeschichtlicher Gegenstandsfindung.
Das gilt ebenso für die politisch-philologische Schubkraft,
eine Konsequenz der literarischen „Souveränitätseinschränkung“,23 und der
Rückhalt für Autorbiographien zwischen fehlorientierender Verbiegung, mi߬Rändem,
der Weg der Minderheitenliteratur zu sich selbst. Siebenbürgisch-sächsiche
Vergangenheit und rumäniendeutsche Gegenwartsliteratur“, in: Schwob/Tontsch (Hrsg.):
Siebenbürgisch-deutsche Literatur (Anm. 17), S. 51-70.
19 Mahlberg: Ebd., S. 49.
20 Weckmann, André : „Dichter sein im Eisass“, in: Finck, Adrien (Hrsg.): Nachrichten aus
dem Eisass. Deutschsprachige Literatur in Frankreich. Bd. 2. Mundart und Protest,
Hildesheim 1978 (Ausländsdeutsche Literatur der Gegenwart, Bd. 3.2), S. 28.
21 Schlesak: Abschied (Anm. 7), S. 199, 205.
22 Vgl. u.a. Pestalozzi, Karl/von Bormann, Alexander und Koebner, Thomas (Hrsg.): „Vier
deutsche Literaturen? - Literatur seit 1945 - nur die alten Modelle? - Medium Film - das
Ende der Literatur?“, in: Akten des VII. Internationalen Germanisten-Kongresses Göttingen
1985. Kontroversen, alte und neue, Bd. 10, Tübingen 1986.
23 Csejka: Weg (Anm. 18), S. 58.
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