Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

kritik  und  der  literaturwissenschaftlichen  Grenzziehung“14  argumentiert  wird,
dann  sind  diese  auch  nach  Norbert  Mecklenburg  „in  Frage  gestellt  zu  sehen“.15
Mit  solcher  ,Frage4  nach  der  Korrespondenz  zwischen  Literaturexistenz  und
philologischer  Reaktion  befinden  wir  uns  erneut  inmitten  jener  politisch,  literarisch
  und  philologisch  verknoteten  Vorgänge,  die  Literaturgeschichte  von  Minderheiten
  so  komplex  und  ihr  Schreiben  so  kompliziert  machen,  aber  eben  darin
die  Bedingungen  setzen,  innerhalb  derer  Autoren  und  Werke  im  Sozialsystem
Literatur  als  Teil  von  Geschichte  einzurichten  sind.  Gehen  wir  auf  mehrere  dazugehörende
  Zusammenhänge  wie  Literaturidentität,  Autorrolle,  Bezeichnung,
Zuordnung  und  die  Literaturkritik  ein,  die  literarhistorisch  besondere  Aufmerksamkeit
  fordern.
„Die  nationalsprachlichen  Literaturen  haben  an  der  Ausbildung  nationaler
Identitäten  ebenso  Anteil  wie  die  national-philologischen  Wissenschaften“  und
„tragen  entscheidend  zur  »kulturellen  Vernetzung4  der  nationalen  Territorien“
bei.16  Für  die  Minderheiten  sind  Götz  Großklaus4  Feststellungen  entsprechend
zu  erweitern,  indem  Nationalitätenliteratur  primär  der  internen  »Vernetzung4
dient,  aber  auch  der  nationalen,  d.h.  interkulturellen  sowie  der  intrakulturellen
deutschen  Literatur.  Folgerichtig  trifft  der  moderne  „Funktionswandel  aller
Elemente  des  Kommunikationssystems“  besonders  Minderheitenliteratur  und
ihre  Identität,  weil  die  existentiell  wichtige  Austarierung  von  intra-  wie  interkultureller
  Einbindung  durch  die  kommunikative  Öffnung  in  modernen  Industriegesellschaften
  zunehmend  aufgehoben  und  zur  Krise  solcher  Literaturen
sowie  zum  Ende  ihrer  Geschichte  werden  kann.  Die  Disponibilität  von  Literaturexistenz
  und  Literaturidentität  ist  im  Sinne  Gerhardt  Csejkas  nicht  nur  eine
Frage  der  zueinander  verschobenen  Parameter  von  Muttersprache  und  Wirklichkeit,17
  verbunden  mit  der  nur  scheinbar  paradoxen  Konsequenz  von  Assimilation
  und  „Wiederauffindung  des  Sprachzentrums“.18  Literatur  verliert  dabei

14  Kreuzer,  Helmut:  Veränderungen  des  Literaturbegriffs.  Fünf  Beiträge  zu  aktuellen
Problemen  der  Literaturwissenschaft,  Göttingen  1975  (Kleine  Vandenhoeck-Reihe
1398),  S.  15.
15  Mecklenburg:  Rettung  (Anm.  10),  S.  268.
16  Großklaus:  Philologie  (Anm.l  1),  S.  186.
17  Csejka,  Gerhardt:  „Bedingtheiten  der  rumäniendeutschen  Literatur  (Versuch  einer  soziologisch-historischen
  Deutung)“,  in:  Reichrath,  Emmerich  (Hrsg.):  Reflexe.  Kritischer
Beitrag  zur  rumäniendeutschen  Gegenwartsliteratur,  Bukarest  1977,  S.  45;  Ritter,
Alexander:  „Von  der  Güte  des  Dichterwortes.  Über  deutschsprachige  Literatur  des  Auslands
  und  des  Literaturwissenschaftlers  Not  mit  der  Bewertung.  Bemerkungen  zu  einer
Theorie  der  Kritik“,  in:  Schwöb,  Anton  und  Tontsch,  Brigitte  (Hrsg.):  Die  Siebenbür
  gisch-deutsche  Literatur  als  Beispiel  einer  Regionalliteratur,  Wien  1993  (Siebenbürgisches
  Archiv,  Folge  3,  Bd.  26),  S.  7.
18  Mahlberg,  Gerhard:  „Tönender  Biß  in  die  Kehle  des  Tags  den  sie  züchten.  Über  Rolf
Bossert“,  in:  die  hören  32(1987),  H.  147,  S.  57;  Csejka,  Gerhardt:  „Der  Weg  zu  den

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