Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

zumal  der  orientierende  Bezug  zu  einem  eigenen  ,nationalen4  Bildungsbetrieb
und  Kommunikationssystem  fehlt.
4. demographisch-soziologische  Bedingungen:
Minderheiten  sind  Bevölkerungsgruppen,  die  bei  unterschiedlicher  Siedlungsdichte
  in  abgrenzbaren  Regionen  oder  in  mischkulturellen  Siedelgebieten  wohnen.
  Die  größtenteils  ländlich-kleinbürglich  homogen  bestimmte  Struktur,  eine
ethnozentrierte,  beharrende  Volkskultur  fördernd,  dominiert  in  der  Regel  kulturelle
  Innovationsleistungen,  die  von  dem  städtischen,  intellektuell  in  höherem
Maße  mobilen  Bevölkerungsteil  ausgehen  können.  Weil  große  Städte  fehlen,
deren  hohe  Zentralität  ausschließlich  Funktion  für  die  Minderheit  hat,  mangelt
es  an  intellektueller  Wechselwirkung  zwischen  Stadt  und  Land.  Intellektuelles
Potential,  also  auch  das  der  Literaten,  orientiert  sich  nach  den  überordnenden
Kommunikationsumständen  der  nationalstaatlichen  Kultur,  der  muttersprachlichen
  Herkunftskultur,  neigt  zu  Landflucht  und  Abwanderung.  Weil  Minderheitenkultur
  in  der  Stadt  im  Kulturkontakt  existiert,  gibt  es  keine  regelhaft  dichotome
  Spannung  von  Stadt/Land.  Intellektuelle  der  Stadt  bieten  aus  der  Distanz
vorrangig  administrativ  gebotene  Betreuung,  geben  organisatorische  Impulse,
vermögen  aber  nicht,  Konservierung  und  damit  Stagnation  von  Kultur  und  deren
  Erosion  zu  verhindern.
Wer  Geschichte  von  deutschsprachiger  Literatur  im  Ausland  schreiben  will,
muß  sehen,  daß  Literatur  aus  solchen  Regionen  an  die  so  besonders  regionalistisch
  wie  überregionalistisch  bestimmte  Historie  gebunden  ist,  die  Kultur-  und
Mentalitätstradition  prägt.  Die  erläuterten  Parameter  dazu  geben  reduziert  das
wieder,  was  prozessual  zu  verstehen  ist  und  einer  jeweiligen  Überprüfung  für
die  verschiedenen  Minderheiten  bedarf.  Sie  sind  als  Koordinaten  verwendbar,
um  die  mischkulturellen  Variationen  von  Minderheitenexistenz  einordnen  und
die  kultursemiotischen  Konsequenzen  ermitteln  zu  können.  Weil  der  Autor,
seine  Literatur  und  Wirkungsabsichten,  und  der  Leser,  seine  Lektüre  und  Rezeptionshaltung,
  in  wechselseitiger  Verschränkung  von  binnen-  und  außenkultureller
  Perspektive  die  Lesekultur  ausmachen,  hat  die  Philologie  ihre  beschreibende
  und  deutende  Aufgabe  interdisziplinär  zu  lösen  (Geschichte,  Soziologie,
Volkskunde  usw.),  unter  Berücksichtigung  der  philologischen  Fremdperspektiven.
  Und  weil  Literaturen  unter  sprachmehrheitlich  anderen  Bedingungen  und
ihre  philologische  Betreuung  im  weitesten  Sinne  die  Nationalitätenidentität  von
Minderheiten  mitbestimmen,  gilt  für  die  „,kulturelle  Vernetzung“4  das,  was
Götz  Großklaus  über  „den  radikalen  Funktionswandel  aller  Elemente  des
Kommunikationssystems  [...]  seit  dem  Ende  des  19.  Jahrhunderts“  sagt  in  Verbindung
  mit  einem  Geschichtsverständnis,  das  nach  Koselleck  nicht  mehr  von
topologischen  Modellen  ausgeht,  sondern  alles  als  historisch  intern  strukturier¬383


            
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