Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

und  kulturgeschichtliche  Beeinflussung.  Minderheitengeschichte  ist  Krisengeschichte
  eines  existentiellen  Selbstverständnisses  mit  dem  -  ideologisierbaren  -
Ziel  der  Erhaltung  eigener  Kultur,  eingebunden  in  den  Konflikt  der  Kulturkontakte
  und  der  eher  plurinationalen  oder  homogenisierenden  Ziele  einer  nationalstaatlichen
  Innenpolitik  sowie  der  herkunftsstaatlichen  Außenpolitik.
2.  geographisch-ökonomische  Bedingungen:
Angehörige  von  Minderheiten  leben  -  abgesehen  von  der  Mobilisierung  durch
politische/ökonomische  push-/pull-Faktoren  -  in  hohem  Maße  stationär  in
Landschaften  spezifischer  natürlicher  und  durch  Kultivierung  sich  verändernder
Ausstattung,  die  als  Raum  zur  überschaubaren  Region  und  damit  Teil  der  individuellen
  Biographie,  gleichzeitig  der  so  wiedererkennbaren  Gruppenidentität
werden.  Das  gilt  für  Umstände  wie  Klima,  Oberflächengestaltung,  Vegetation
u.a.,  die  sich  der  Mensch  durch  kultivierende  Maßnahmen  der  dörflichen/städtischen
  Architektur,  agrarischen/industriellen  Nutzung,  infrastrukturellen  Erschließung
  vertraut  macht  (Heimat).  Wirtschaftliche  Eigenleistung,  integriert  in
den  ökonomischen  Verbund  von  Nachbarregion  und  nationaler  Volkswirtschaft,
stellen  über  Besitz  besondere  Bindung  an  den  regionalen,  vornehmlich  ländlich
geprägten  Raum  her,  präformieren  gleichzeitig  die  krisenhafte  Spannung  von
ländlich-kleinbürgerlicher  Existenzsicht  und  industriegesellschaftlicher  Veränderung,
  von  Beharrung  und  Progression.  Territoriumgrenze  und  Territoriumausstattung
  markieren  minderheitenexistentielle  Autonomie  und  das  Konfliktpotential
  mit  dem  Nationalstaat  und  anderen  Minderheiten.
3.  sprachlich-kulturelle  Bedingungen:
Sprache,  ihr  mündlicher  wie  schriftlicher  Gebrauch,  privat  und  öffentlich,  ist
Kommunikationsmedium  und  signifikantes  Identifikationsmerkmal  von  Nationen
  und  Nationalitäten.  Sprache  leistet  Grundlage  von  Kultur,  ist  semantischsyntaktisch
  an  der  kulturspezifisch  mentalen  wie  emotionalen  Selbstvergewisserung
  der  Einzelperson  als  Teil  historisch  definierten  Gesellschaftsverbundes
z.B.  einer  Sprachminderheit  orientiert.  Sprache  ist  Teil  von  Geschichte,  hat  Geschichte
  und  ist  Gedächtnis  von  Kultur,  vorrangiges  Medium  der  kulturhistorischen
  Überlieferung  eigener  und  fremder  Tradition.  Und  Sprache  ist  Medium
von  Literatur  als  Ausdruck  individueller  Welterfahrung  des  Autors,  individueller
  wie  kollektiver  Sprachübung,  Identitätsbestätigung,  Informationserfahrung,
ästhetischer  Begegnung  usw.  Darum  hängen  Muttersprache  der  Minderheit
(Diglossie:  Hochsprache/Dialekt),  die  Qualität  ihrer  Rückbindung  an  den
sprachlichen  Herkunftsraum  und  der  gruppenintemen  Pflege  (Schulsystem/
Medien/Lesekultur),  ihr  Interferenzgrad  im  Kontakt  mit  anderen  Sprachen
(Bilingualismus:  National  sprache/andere  Minderheitensprachen)  und  der  Grad
von  Mehrsprachigkeit  unmittelbar  mit  dem  Identitätssyndrom  zusammen  und
stellen  das  zentrale  Konfliktpotential  zwischen  Nationalität  und  Nationalstaat,

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