Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Eine  solch  distanzlose  Binnenperspektive,  gebunden  an  Methoden-  wie  Kenntnisdefizite,
  schließt  Bewertung  ein,  die  -  wie  aus  kommunistischen  Zeiten  gewohnt
  -  als  vorausgesetzter  Konsens  im  Zirkelschluß  von  parteilichen,  minderheitenzugehörigen
  Autoren  und  Kritikern  kaum  reflektiertes  Einverständnis
darüber  meint,  daß  allein  Schriftsteller-  und  Werkmenge  identisch  mit  einer  a
priori  beachtenswerten  Nationalitätenliteratur  seien.  Weil  Beiger  ohne  ein
Nachdenken  über  Zeit,  Geschichte  und  Historiographie  im  Zusammenhang  mit
inter-  und  intraliteraturkulturellen  Entwicklungen  spricht,  vermag  er  Epochenzäsuren
  auf  dem  Zeitstrahl  zu  markieren,  politische  Ereignisse  als  einzige  Begründungen
  anzunehmen,  Autoren  und  Werke  zu  kumulieren,  ohne  Zeit  als
Funktion  von  Geschichte  zu  verstehen  sowie  Interdependenzen  von  Literaturentwicklung
  im  weitesten  Sinne  von  dia-  und  synchroner  Betrachtung  zu
berücksichtigen.
Belgers  Sichtweise  konterkariert  Peter  Motzans  einmal  gemachte  lapidare  Äußerung:
  Wer  sich  mit  der  Literatur  befaßt,  muß  sich  um  Geschichte  kümmern.
Da  Literarhistorie  es  mit  Geschichte  von  Autoren  und  ihren  Geschichten  in
komplexen  Kommunikationszusammenhängen  zu  tun  hat,  geht  es  immer  auch
um  die  Geschichte  von  Historiographie  und  Literaturgeschichtsschreibung,  um
die  Geschichte  der  Entstehungs-,  Verbreitungs-  und  Wirkungszusammenhänge
von  Literatur  im  Kontext  historischer  eigen-  und  interkultureller  Konditionen
von  Minderheitenexistenz.
Bleiben  wir  erst  einmal  bei  letzterer  als  Grundlage  des  geschichtlichen  Selbstverständnisses.
  Die  spezifischen  Bedingungen  von  Minderheitenexistenz  und
ihre  zusätzlich  gruppenindividuellen  Variationen  sind  als  wesentlicher  Teil  der
Welterfahrung  von  Autoren  und  Lesern  Funktion  einer  Literaturszene  und
folglich  auch  ihrer  Beschreibung.  Existentielles  Selbstverständnis  im  Sinne  von
Identität  und  Heimat  beziehen  Menschen  aus  der  Orientierung  an  relativ  stabilisierten
  geopolitischen,  sozioökonomischen  und  sprachkultureilen  Gegebenheiten
  des  eigenen  Nationalstaates.  Weil  aber  Minderheiten  nationalkulturelle  Enklaven
  sind,  verbleibt  ihnen,  den  staatsintemen  sowie  internationalen  Schutzzusicherungen
  zum  Trotz,  „als  politische[r]  Manöveriermasse“4  die  labile  Exi-Auswahl

  von  Herold  Beiger,  Alma-Ata  1974,  S.  164-172;  „Einleitung  und  Textauswahl“,
  in:  Poesie  und  Prosa  der  deutschsprachigen  Schriftsteller  der  UdSSR.  Lehrund
  Lesebuch  für  die  8.  Klasse  der  Schulen  mit  muttersprachlichem  Unterricht,  Zusammengestellt
  und  verfaßt  von  Victor  Klein  und  Johann  Warkentin,  3.  Aufl.  Moskau
1980;  ders.:  ,^Notizen  zur  sowjetdeutschen  Literatur“,  in:  Gottzmann,  Carola  L.  (Hrsg.):
Unerkannt  und  (un)bekannt.  Deutsche  Literaturen  in  Mittel-  und  Osteuropa,  Tübingen
1991,  S.  347-366  (bes.  S.  350-353).
Gabanyi,  Anneli  Ute:  Die  unvollendete  Revolution.  Rumänien  zwischen  Diktatur  und
Demokratie,  2.  Aufl.,  München  und  Zürich  1990,  S.  220ff.;  vgl.  auch  zur  aktuellen
Situation:  Aly,  Götz:  „Dafür  wird  die  Welt  büßen.  Ethnische  Säuberungen.  Die  Ge-379


            
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