Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Alexander  Ritter

Kulturengrenze  und  Textgeschichte:
Zu  den  Bedingungen  und  Problemen
LITERARHISTORISCHER  ERFASSUNG  DEUTSCHPRACHIGER
Literatur  des  Auslands

i
Wer  über  die  Frage  nach  dem  Inhalt,  der  Methode  und  dem  Nutzen  einer  literargeschichtlichen
  Erfassung  deutschsprachiger  Literatur  unter  mehrheitlich  anderen
  Sprachbedingungen  zu  räsonieren  beabsichtigt,  muß  die  Begrifflichkeit
vorweg  abklären.  Die  umständliche  Ansprache  solcher  Literatur  zeigt  bereits,
daß  die  literarkulturelle  Sondersituation  am  ehesten  über  den  Sammelbegriff
deutschsprachige  Literatur  im  Ausland4  und  die  Attribuierungen  wie  »rumäniendeutsch,
  elsässisch4  zu  erfassen  ist,  weil  damit  ihre  multikulturelle  Bindung
spezifiziert  wird.  Bezeichnungen  wie  Nationalitätenliteratur,  Regionalliteratur,
Minderheitenliteratur,  auslanddeutsche  Literatur  u.a.  sind  semantisch  nach  besonderen
  Aspekten  und  ihrer  Geschichte  definierte  Termini,  für  Minderheiten
gebunden  an  eine  wechselnde  Kontextsemantik,  eine  Folge  der  historisch  variantenreichen
  politischen  und  kulturellen  Einflußnahme  auf  die  territoriale,
sprachliche  sowie  organisatorische  Zuordnung  solch  besonderer  Enklavenkulturen.

Wie  andere  Literaturen  von  Sprachminderheiten  unterscheidet  sich  auch  die
deutsche  von  den  Prinzipien  einer  Nationalliteratur  durch  den  die  Muttersprache
(Hochsprache,  Mundarten/Diglossie)  ergänzenden  Multilingualismus,  eine  multikulturell
  beeinflußte  „Einheit  von  Sprache,  Literatur  und  Kultur“,  eine  mehrperspektivisch
  gesteuerte  „Selbstvergewisserung  und  Legitimierung“  kultureller
Identität  und  die  selbst-,  aber  auch  fremdreferentiellen  „Strukturen  im  poetologischen
  und  literarischen  Diskurs“,  orientiert  an  den  dominanten  Kulturen
von  Heimat-  und  Herkunftsnation.1  Der  Literaturhistoriker  hat  also  Strategien

Goetzinger,  Germaine:  „Die  Referenz  auf  das  Fremde.  Ein  ambivalentes  Begründungsmoment
  im  Entstehungsprozeß  der  luxemburgischen  Nationalliteratur“,  in:  Shichiji,
Yoshinori  (Hrsg.):  Akten  des  VII.  Internationalen  Germanisten-Kongresses  Tokyo  1990,
Bd.  10,  München  1991,  S.  179-188,  bes.  S.  180f.;  vgl.  auch:  Seeba,  Hinrich  C.:  „Nationalliteratur.
  Zur  Ästhetisierung  der  politischen  Funktion  der  Geschichtsschreibung“,  in:

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