Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

deutlich  gestiegenen  Interesse  der  Lernenden  in  zahlreichen  Ländern  ausgegangen
  werden.
2.  Dieses  Interesse  ist  unterschiedlich  motiviert.  Untersuchungen  haben  vor  allem
  diese  Motivation  der  Deutschlemenden  ermittelt:
-  Deutsch  als  Sprache  einer  Wirtschaftsmacht;  die  Kenntnis  dieser  Sprache
verspricht  berufliches  Vorankommen.
-  Explizites  Interesse  an  deutscher  Kultur  im  umfassenden  Sinne;  Deutsch  ist
eine  notwendige  Voraussetzung  für  einen  interkulturellen  Dialog.
-  Deutsch  als  Teil  des  Fachstudiums  (Geisteswissenschaften,  Wirtschaftswissenschaften).

-  Deutsch  aus  touristischen  Gründen  (eine  Reise  in  deutschsprachige  Länder,
Touristenbetreuung  im  eigenen  Land).
-  Deutsch  als  Bildungssprache.
-  Deutsch  als  Mittlersprache  zu  einzelnen  Ländern  Ostmitteleuropas,  Südosteuropas
  und  Osteuropas.
-  In  der  Europäischen  Union  die  Notwendigkeit,  mit  der  Schaffung  des  Binnenmarktes
  1992/93  mehr  Sprachen  als  nur  Englisch  zu  beherrschen,  um
keine  beruflichen  Nachteile  zu  erleiden,  vor  allem  aber,  weil  Sprachenpluralität
  die  gewachsene  europäische  Vielfalt  widerspiegelt.
3.  Diese  Motivationen  sind  höchst  unterschiedlicher  Natur  und  können  daher
nur  mit  differenzierten  Kursangeboten  und  Lehrmaterialien  befriedigt  werden.
Die  Weiterentwicklung  adressatenspezifischer  und  regionaler  Curricula  und
Lehrkräfte  ist  deshalb  unverzichtbar.
4.  Diese  Materialien  wie  der  Sprachunterricht  überhaupt  sollten  die  weltweit
anzutreffenden  Meinungen  über  die  deutsche  Sprache,  die  häufig  freilich  nichts
als  Vorurteile  sind,  positiv  aufgreifen:  sie  sei  ,kompliziert1,  ,schwer  erlernbar1,
,ihre  Grammatik  ein  Wust  undurchdringlicher  Regeln4.  Es  ist  deshalb  falsch,
ihr  den  Charme  der  Leichtigkeit  und  Lebendigkeit  -  den  beispielsweise  das
Französische,  zweifellos  zu  Unrecht,  genießt  -  in  Werbematerialien  und  anderen
  Veröffentlichungen  zu  verleihen.  Im  Gegenteil:  die  Lernenden  erwarten,
zumindest  teilweise,  ein  hohes  Niveau  und  auch  Mühen  beim  Studium  unserer
Sprache.  Wir  sollten  sie  durch  marktschreierische  Billigangebote  nicht  enttäuschen.

5.  Vor  einer  Praxis  der  kulturellen  Selbstdarstellung,  des  Kulturexports  oder
gar  Kulturimperialismus  ist  entschieden  zu  warnen;  Frankreich  ist  gelegentlich
ein  schlechtes  Beispiel  in  dieser  Sache.  Unser  Ziel  muß  sein,  leise  und  verständigungsbereit
  aufzutreten,  die  Gefühle  und  Verletzlichkeiten  anderer  Kulturen
zu  berücksichtigen  und  das  „Fremde“  zum  Ausgangspunkt  des  interkulturellen
Dialogs  zu  machen.  Höchst  sinnvoll  wäre  dabei  eine  enge  Zusammenarbeit  der
drei  deutschsprachigen  Länder,  die  bisher  an  politischen  Faktoren,  aber  auch  an
Kleinkrämerei  und  Provinzialismus,  gescheitert  ist.

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