Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Gegenüber  1970  (ca.  7,2  %)  nennen  heute  etwa  30  %  dieser  Deutschen  Tschechisch
  ihre  Muttersprache.  Also  auch  hier  nimmt  die  Bedeutung  der  deutschen
Sprache  als  Muttersprache  aufgrund  wachsender  Mobilität  und  anderer  Berufsperspektiven
  ab.  Eine  Grafik  verdeutlicht  die  Siedlungsgebiete  der  heutigen
deutschen  Minderheit,  denen  seit  dem  Verfassungsgesetz  von  1991  („Liste  der
Grundrechte  und  Freiheiten“)  Minderheitenrechte  nach  europäischem  Standard
attestiert  werden,  freilich  in  der  Realität  häufig  eingeschränkt.  Seit  der  Unterzeichnung
  des  deutsch-tschechoslowakischen  Freundschaftsvertrages  (2.  Prager
Vertrag)  am  27.2.1992  wird  der  Kulturaustausch  intensiviert  (s.u.  Abb.  4).
Die  Förderung  des  Deutschunterrichts  geht  zügig  voran.  Allgemein  wird  die
erste  Fremdsprache  ab  Klasse  5  unterrichtet,  doch  wurde  vor  einem  Jahr  ein
Schulversuch  erfolgreich  abgeschlossen:  Deutsch  ab  der  dritten  Klasse  auf
spielerische  Weise,  teilweise  vorbereitet  im  Kindergarten.  Die  Statistik  des
Goethe-Instituts  von  1993  weist  Deutsch  in  der  tschechischen  Grundschule  die
erste  Stelle  vor  Englisch  zu,  im  Gymnasium  ist  es  dann  wieder  umgekehrt  (s.u.
Abb.  5).
Die  Gründe  sind  die  bekannten:  bessere  Berufschancen,  Reiselust,  amerikanische
  Musik-  und  Videoproduktionen,  „Amerikaner  in  Prag“.  Erstaunlich  freilich
  ist,  daß  Russisch  -  in  den  Augen  vieler  Tschechen  die  verhaßte  Sprache  der
Besatzer  -  mit  17,33  %  noch  deutlich  vor  dem  Französischen  rangiert.  Das
hängt  wesentlich  damit  zusammen,  daß  Russisch  bis  1989  noch  Pflichtfremdsprache
  war  und  damit  noch  beachtliche  Vorkenntnisse  bei  jener  Altersgruppe
der  Jugendlichen  bestehen,  die  zur  Zeit  der  Umfrage  die  Oberschule  besuchten
und  die  deshalb  die  Sprachausbildung  fortsetzten.
Daneben  gibt  es  seit  Herbst  1991  eine  bilinguale  private  deutsch-tschechische
Begegnungsschule  bis  zur  9.  Klasse,  drei  deutsch-tschechische  Gymnasien  sowie
  seit  Oktober  1990  eine  deutsche  Auslandsschule  in  Prag  für  deutsche  und
tschechische  Kinder.  Freilich  sind  die  Kosten  -  ca.  3.500  DM  pro  Jahr  in  der
Auslandsschule  -  für  viele  Tschechen  unbezahlbar.
Im  Bereich  der  Universitäten  gibt  es  13  Lehrstühle  für  Germanistik  mit  derzeit
etwa  1500  Haupt-  und  Nebenfachgermanisten;  ein  Sonderprogramm  des  Deutschen
  Akademischen  Austauschdienstes  dient  der  Förderung  von  Habilitationen
in  unserem  Fach.  Nebenbei:  Germanistische  Vorlesungen  und  Seminare  an  der
Prager  Karls-Universität  werden  natürlich  in  deutscher  Sprache  gehalten.
An  Medien  sind  zu  nennen  die  Prager  Zeitung,  das  Prager  Wochenblatt  und  die
Prager  Volkszeitung,  daneben  deutschsprachige  Rundfunk-  und  Fernsehsendungen
  (schon  in  geringem  Umfang  vor  1968)  -  was  aber  im  Grunde  fast  unnötig
  ist,  weil  zahlreiche  deutsche  Fernsehkanäle  und  Rundfunkstationen  bis

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