Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Tschechische  Republik

Seit  der  Trennung  der  CSFR  in  die  Tschechische  und  Slowakische  Republik  am
1.  Januar  1993  gibt  es  zwei  voneinander  unabhängige  Nachfolgestaaten;  diese
Teilung  ist  für  Außenstehende  häufig  problematisch,  war  aber  offensichtlich
der  einzige  Schritt,  um  eine  weitere  dramatische  Verschärfung  der  Spannungen
zwischen  den  Volksgruppen  zu  verhindern.  Glücklicherweise  hat  die  Förderung
der  deutschen  Sprache  von  seiten  der  Bundesrepublik  diesen  separatistischen
Schritt  nicht  nachvollzogen;  erst  vor  wenigen  Wochen  leitete  ich  ein  Fortbildungsseminar
  für  Programmlehrer  in  Zvikov  am  Zusammenfluß  von  Moldau
(Vltava)  und  Otava  südlich  Prags  zum  Thema  „Grammatik“,  das  von  etwa
sechzig  Deutschlehrerinnen  und  -lehrern  aus  Böhmen,  Mähren  und  der  Slowakei
  besucht  wurde  und  das  im  nächsten  Jahr  in  Bratislava  fortgesetzt  werden
soll.
Die  deutsche  Sprache  spielt  seit  Jahrhunderten  in  und  um  Prag  eine  wesentliche
Rolle,  was  nicht  eigens  betont  werden  muß.  Ich  verweise  lediglich  auf  die  Rolle
der  Kanzlei  Kaiser  Karls  IV.  (1346  -  1378),  die  für  die  Entwicklung  der  deutschen
  Nationalsprache  von  immenser  Bedeutung  ist,  sowie  den  Prager  Dichterkreis
  um  Rilke,  Kafka,  Werfel  und  Max  Brod  am  Beginn  unseres  Jahrhunderts.
Die  deutschsprachige  Minderheit  hatte  in  den  zwanziger  Jahren  einige  sprachliche
  und  kulturelle  Rechte  in  den  Gebieten  erlangt,  in  denen  sie  eine  Minderheit
von  20  %  darstellte.  Es  gab  ein  ausgedehntes  System  von  Grund-,  Mittel-  und
Fachschulen  und  in  Prag  sogar  eine  Universität.  In  der  Zeit  der  Okkupation
Böhmens  und  Mährens  unter  Hitler,  insbesondere  aber  nach  dem  Attentat  auf
Heydrich  und  dem  Massaker  in  Lidice,  lief  eine  unbarmherzige  Germanisierung
und  Ausrottung  des  tschechischen  Volkes  ab;  für  viele  von  ihnen  wie  vor  allem
die  Prager  Juden  wurde  Theresienstadt  das  Wartezimmer  von  Auschwitz.  Nach
1945  führten  umgekehrt  die  Vertreibung  und  Diskriminierung  der  deutschen
Minderheit  durch  den  tschechischen  Staat  zu  einer  Reihe  von  Verbrechen,  die
Vaclav  Havel  in  seiner  bemerkenswerten  Rede  1994  bekannte,  um  den  Weg  der
Versöhnung  zu  öffnen.  Die  nach  der  Vertreibung  verbliebenen  Deutschen  erhielten
  1953  ohne  Ausnahme  die  tschechische  Staatsbürgerschaft,  den  Rechtsstatus
  einer  Minderheit  erst  1968,  im  Prager  Frühling.  In  den  50er  Jahren  gab
es  kleine  Sprachzirkel  zur  Verbesserung  der  Deutschkenntnisse  deutscher  Kinder,
  sodann  die  Wochenzeitschrift  Außau  und  Friede.
1993  gibt  das  Munzinger-Archiv^  die  Zahl  der  Deutschen  als  der  nach  Slovaken
  und  Polen  drittgrößten  Minderheit  in  Tschechien  mit  0,5  %  an,  von  den
ehemals  -  1910  -  gezählten  3.492.362  Deutschen  auf  dem  Gebiet  der  heutigen
Tschechischen  Republik  (CR)  sind  das  noch  etwa  40.000  (s.u.  Abb.  3).

Munzinger-Archiv:  Stand  4/1993.

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