Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Lutz  Götze

Zur  Rolle  der  deutschen  Sprache  in  den  GUS-Staaten,
der  Tschechischen  Republik  und  Ungarn

Formulierte  ich  noch  auf  dem  Internationalen  Germanistenkongreß  1990  in
Tokio  die  eher  bange  Frage  „Hat  die  deutsche  Sprache  weltweit  eine  Zukunft?“
-  und  dies  wohl  lediglich  deshalb,  um  die  drastischere  Frage  „Ist  die  deutsche
Sprache  noch  zu  retten?“  zu  vermeiden  so  sieht  die  Lage  heute  durchaus
besser  aus.  Im  Sprachenbericht  der  Bundesregierung  von  1985  noch  wurde  eher
klagend  angemerkt,  daß  die  deutsche  Sprache  weltweit  an  Terrain  eingebüßt
habe:  lernten  1979  noch  rund  17  Millionen  Menschen  im  Ausland  die  deutsche
Sprache,  so  waren  es  1983  etwa  zwei  Millionen  Schüler,  Studierende  und  Teilnehmer
  an  Erwachsenenkursen  weniger.  Im  Bericht  heißt  es  weiter:  „Diesem
Rückgang  des  Interesses  an  der  deutschen  Sprache  wird  die  Bundesregierung
durch  ihre  Sprachpolitik  aktiv  entgegenwirken  ...  Deutsch  gehört  nicht  zu  den
großen  Weltsprachen,  aber  mit  rund  90  Millionen  Deutschsprachigen  in  Europa
ist  es  eine  der  wichtigsten  Regionalsprachen  der  Welt.  Es  ist  daher  nicht  in  das
Belieben  der  Bundesregierung  gestellt,  ob  sie  die  Verbreitung  der  deutschen
Sprache  im  Ausland  fördert  oder  nicht.  Es  ist  vielmehr  Verantwortung  und
Pflicht  der  Regierung  des  größten  deutschsprachigen  Landes,  sich  für  eine
möglichst  umfassende  Verbreitung  und  Geltung  seiner  Sprache  im  Ausland  einzusetzen.“1

Die  Ursachen  für  diesen,  mit  wenigen  Ausnahmen,  weltweiten  Rückgang  lagen
vor  allem  im  wachsenden  Einfluß  des  Englischen  als  Weltverkehrssprache,  der
Bevorzugung  naturwissenschaftlicher  Fächer  in  den  Stundentafeln  der  Schulen
zu  Lasten  des  Sprachunterrichts  und  der  musischen  Fächer  sowie  im  Anwachsen
  der  englischen  Sprache  auch  in  den  Fachsprachen.  Selbst  emstzunehmende
Wissenschaftler  prophezeiten  der  deutschen  Sprache  ein  Schicksal  ähnlich  dem
Lateinischen:  Deutsch  als  Sprache  der  Eliten,  aber  tot.
Der  Zusammenbruch  des  östlichen  Systems,  der  Fall  der  Berliner  Mauer  und
die  deutsche  Einigung  haben  die  Szene  in  jenem  Teil  der  Welt,  der  auf  dieser
Tagung  interessiert,  deutlich  verändert:  Die  Sprachenlandschaft  ist  geprägt
durch  einen  drastischen  Rückgang  der  russischen  Sprache  in  nahezu  allen  Ländern
  Mittelost-  und  Südosteuropas  bei  gleichzeitigem  rapiden  Anstieg  der  Zah-Die

  Stellung  der  deutschen  Sprache  in  der  Welt  -  Bericht  der  Bundesregierung.  Bonn
1986.

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