Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Peter  Wiesinger

Zur  Sprachsituation  und  Sprachpolitik  in  den
Minderheitengebieten  Österreichs

1. Einleitung
Österreich  ist  jener  Teil  im  Südosten  des  deutschen  Sprachraums,  der  am  weitesten
  vorgeschoben  liegt.  Das  hat  zur  Folge,  daß  Österreich  heute  im  Süden,
Osten  und  Norden  von  nicht  weniger  als  sechs  Fremdsprachen  umgeben  wirdJ
Es  ist  das  Italienische  und  besonders  hinsichtlich  der  Regionalsprachen  das  alpenromanische
  Rätoromanische,  Ladinische  und  Friulanische  in  Südtirol  und  an
den  Grenzen  von  Osttirol  und  Oberkämten;  das  südslawische  Slowenische,  zu
dem  in  Südkärnten  das  noch  zu  besprechende  Minderheitengebiet  gehört  und
mit  dem  sich  die  südliche  Steiermark  und  das  südliche  Burgenland  berühren;
das  nicht  indogermanische  Magyarische  oder  Ungarische  an  der  Ostgrenze  des
Burgenlandes;  das  westslawische  Slowakische  an  der  Ostgrenze  Niederösterreichs
  an  March  und  Thaya;  sowie  seit  der  Vertreibung  der  Sudetendeutschen
nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  das  ebenfalls  westslawische  Tschechische  an  den
Nordgrenzen  von  Nieder-  und  Oberösterreich.  Jahrhundertelange  Kultur-  und
Sprachkontakte  haben  nicht  nur  auf  jeweils  beiden  Seiten  Lehnwörter  sowie
phonologische,  morphologische  und  syntaktische  Interferenzen  mit  sich  gebracht,
  sondern  durch  Ansiedlungen  kam  es  auch  zur  Bildung  von  Minderheiten.
  Man  spricht  in  linguistischer  Hinsicht  von  Sprachinseln1 2  und  in  kultur-  und
sprachpolitischer  Hinsicht  von  ethnischen  oder  nationalen  Minderheiten  oder
von  Volksgruppen.  Die  österreichische  Gesetzgebung  hat  sich  bezüglich  rechtlich
  anerkannter  ethnischer  Minderheiten  auf  den  Terminus  Volksgruppe  festgelegt.3

Nach  den  Auffassungen  des  internationalen  Volksgruppenrechts  kann  man  von
einer  Volksgruppe  als  einer  durch  eine  eigene  Sprache  und  Kultur  ausgezeichneten
  Minorität  innerhalb  einer  ebenso  definierten  Majorität  erst  sprechen,
wenn  diese  Minorität  in  einem  Gebiet  seit  mindestens  25  Jahren  beheimatet  ist.
Nach  mehrheitlicher  Auffassung  ist  dies  jedoch  erst  nach  einem  längeren  Zeitraum,
  nämlich  nach  drei  Generationen  und  damit  erst  nach  rund  90-100  Jahren
1  Vgl.  zur  fremdsprachigen  Umgebung  Österreichs,  zu  den  deutschen  Sprachinseln  in  der
Umgebung  und  zu  Sprachkontakten  den  Überblick  von  Wiesinger  1990.
2  Vgl.  Wiesinger  1980  und  Hutterer  1982.
3  Vgl.  Veiter  1979,  S.  9ff.,  und  ausführlich  Veiter  1970,  S.  44ff.  und  56ff.

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