Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Um der Gerechtigkeit willen muß aber erwähnt werden, daß der Nationalitäten¬ 
kampf im Bereich der Bildung auch positive Wirkungen zeitigte, nämlich inso¬ 
fern, als Kultur und Bildung einen hohen Stellenwert im Leben von Tschechen 
und Deutschen erhielten und daß es dabei zu einem fruchtbaren Wettstreit zwi¬ 
schen beiden Völkern kam, aus dem sich unter anderen der auch im europäi¬ 
schen Vergleich sehr hohe Standard von Schulen und kulturellen Institutionen 
in Böhmen und Mähren ergab. Allerdings legt das böse Ende des Nationalitä¬ 
tenkampfes zwischen 1938/39 und 1945 die Frage nahe, ob die positiven Fol¬ 
gen des Nationalitätenstreits auf dem kulturellen Sektor all das Zerstörerische 
aufwiegen können, das dem Nationalismus und Chauvinismus von Anfang an 
inne wohnte. 
Ein Sonderfall im Sprachenstreit zwischen Deutschen und Tschechen und hin¬ 
sichtlich der Sprachengesetzgebung der Monarchie, auf den ich nicht näher ein- 
gehen kann, mag wenigstens kurz erwähnt werden. Es ist die Behandlung des 
jüdischen Volksteils bei der k. u. k. Sprachengesetzgebung. Es war nämlich so, 
daß das Judentum nicht als eigene nationale Entität anerkannt wurde und damit 
auch nicht das Jiddische als selbständige Sprache, sondern als eine historische 
Sonderform des Deutschen. Damit geriet die jüdische Bevölkerung zwangsläu¬ 
fig zwischen die Mühlsteine der anderen aggressiven Nationalbewegungen. In¬ 
wieweit dabei mehr oder weniger offen der anschwellende Antisemitismus hier 
eine Rolle gespielt hat, kann in diesem Zusammenhang nicht näher erörtert 
werden. Es ist aber aufschlußreich, daß bei der Übernahme des „Mährischen 
Ausgleichs“ von 1905 in der Bukowina 1910 mit ihrem beträchtlichen jüdi¬ 
schen Bevölkerungsanteil dieser Nationalität ebenfalls kein Sonderstatus zuge¬ 
billigt worden ist. Man hat vermutet, und dafür gibt es auch Belege, daß man 
von Seiten der Wiener Regierung befürchtete, daß eine Anerkennung der Juden 
als eigenes „Volk“ den deutschen Einfluß empfindlich schwächen würde, nicht 
zuletzt wegen der Rolle der Juden als Sponsoren für das Schulwesen und die 
kulturellen Einrichtungen. Insgesamt hatten aber die nationalitätenrechtlichen 
Regelungen der Monarchie einen hohen Standard. 
Der bedeutende Staatsrechtler Friedrich Tetzner schrieb 1925 im Rückblick auf 
die nationalitätenrechtliche und damit sprachenrechtliche Entwicklung des cis- 
leithanischen Österreich folgende bemerkenswerten Sätze: „... Auch daran kann 
nicht gezweifelt werden, daß, so sehr der nationalrechtliche Rechtszustand der 
Monarchie einer Vervollkommnung fähig war, er doch, was seinen Vollkom¬ 
menheitsgrad betrifft, jenen Rechtszustand, der an seine Stelle getreten ist, weit 
hinter sich läßt. Welcher der Sukzessionsstaaten [nach 1918, F. P.] und welcher 
sich fremde Völker angliedemde Ententestaat besitzt zwei höchste Gerichte zum 
Schutze der nationalen Minoritäten wie sie Österreich besaß“? ... Ähnlich äu¬ 
ßerte sich 1929 Oscar Jäszi. Er stellte fest, daß das Prinzip der nationalen 
Gleichberechtigung in keinem großen Reich mit so vielen Nationalitäten so weit 
getrieben worden sei wie im cisleithanischen Österreich. Daß dies auch heute 
noch gilt, zeigt der desaströse Zustand der nationalen Minderheiten überall in 
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