Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

sehen. Von tschechischer Seite ist immer wieder angeführt worden, daß bis 
1918 das tschechische Schulwesen aller Kategorien noch nicht jene Stärke und 
Dichte erreicht hatte, wie dies bei den Deutschen der Böhmischen Länder der 
Fall war. Das war im großen und ganzen zutreffend, ergibt aber letztlich doch 
ein falsches, nämlich national verzerrtes Bild. Geht man von den hochindu¬ 
strialisierten Regionen Böhmens und Mährens aus, die naturgemäß ein diffe- 
renzierteres und entwickelteres Schulwesen schon aus wirtschaftlichen Gründen 
geradezu erzwangen, dann ergibt sich doch ein realistischeres Bild: Die über¬ 
durchschnittliche Industrialisierung der deutschen Gebiete erklärt nämlich die 
größere Schuldichte und Staffelung der deutschen Schulsysteme. In dem Aus¬ 
maße aber - und dies war besonders in den letzten zwei Jahrzehnten der Fall, 
als die Hochindustrialisierung in den tschechischen Regionen gewaltig aufholte 
- beschleunigte sich auch der Ausbau der tschechischen Schulsysteme aller Ka¬ 
tegorien. Es ist also m. E. falsch und irreführend, das Schulwesen und dessen 
Entwicklung vor allem mit der nationalen Frage in Verbindung zu bringen, 
ohne den Stand der ökonomischen und sozialen Entfaltung bei Tschechen und 
Deutschen mit in Rechnung zu stellen. Die österreichischen Schulbehörden sind 
m. E. in der Schulfrage wesentlich pragmatischer und sachbezogener vorgegan¬ 
gen, als ihnen dies eine ausschließlich nationale Geschichtsschreibung konzedie¬ 
ren wollte. Das gleiche gilt für die Entwicklung in der Ersten Tschechoslowaki¬ 
schen Republik, wo sich dieser Trend zugunsten des tschechischen Schul- und 
Bildungswesens naturgemäß fortsetzte, während das deutsche Schulwesen - 
nicht zuletzt aufgrund des kriegsbedingten Schülerrückgangs - eine starke Re¬ 
duktion erfuhr, aber immer noch auf hohem Stande blieb. In diesem Zusam¬ 
menhang ist hervorzuheben, daß damals, nach 1918, in der Slowakei, die bis 
dahin Teil Ungarns gewesen war und keine deutsche Schulen besessen hatte, 
erst ein deutsches Schulwesen eingerichtet wurde, zweifellos eine positive Lei¬ 
stung der Ersten Tschechoslowakischen Republik. 
Übergehen möchte ich den schrecklichen und in jeder Hinsicht kleinlichen 
„Taferlkrieg“ zwischen Tschechen und Deutschen, d. h. den Kampf um jeweils 
tschechische oder deutsche oder zumindest zweisprachige Straßen- und Ortsbe¬ 
zeichnungen, ein endloser Streit, der die politische Atmosphäre zwischen bei¬ 
den Völkern zusätzlich vergiftete, der oft absurde Formen annahm und vor al¬ 
lem auf dem Rücken derer ausgetragen wurde, die als „Böhmen“ noch Teilha¬ 
ber an beiden Sprachkulturen und damit Träger einer älteren kulturellen Lan¬ 
deseinheit waren oder als Juden im Zeichen des wachsenden Antisemitismus 
zwischen die Fronten beider Nationalgesellschaften gerieten. Beide Gruppen 
setzten sich dem Verdacht nationaler „Unzuverlässigkeit“ aus und wurden unter 
Druck gesetzt, sich der einen oder anderen Nation zu assimilieren. Ähnlich wi¬ 
derwärtig war der wirtschaftliche Kleinkrieg mit dem Ziel, daß man jeweils nur 
bei Konnationalen kaufen sollte. Auch er verpestete das Zusammenleben von 
Tschechen und Deutschen in zunehmendem Maße und förderte überdies einen 
massiven Wirtschaftsantisemitismus. 
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