Im vergangenen Schuljahr gab es in der Region 40 Schulen vom ersten Typ.
Zweisprachige und deutsche Schulen gab es noch keine - aus Lehrermangel.
Sogar beim ersten Typ konnte man die Wünsche der Eltern nur zur Hälfte erfüllen.
Allen Eltern wurde dabei in einem Brief von TSKMN ein gebührenfreier
Deutschunterricht angeboten, wenn sie Deutsch als Muttersprache angaben.
Ein Teil der polnischen Presse und auch der polnischen Eltern in Schlesien
hat den Brief als Propaganda beurteilt, die zu einer neuen nationalen Volksabstimmung
auffordere. Sicher ist es nicht ungewöhnlich und schlecht, wenn auch
die Mehrheit sich mit dem kulturellen Erbe der Minderheit befaßt. So können
Dänen in Schleswig oder Franzosen im Elsaß Deutsch lernen. Aber Polen haben
die Verbindung eines gebührenfreien Deutschunterrichts mit der Muttersprachenangabe
sehr mißtrauisch aufgefaßt.
Außer dem Lehrermangel gibt es auch einen Mangel an deutschen Schulbüchern
für die Minderheit. Vor 20 und 30 Jahren wurden in Polen die gleichen,
fürs ganze Land geltenden Bücher in verschiedenen Sprachen gedruckt. Es gab
Schulbücher der Geschichte in der gleichen Fassung für Ukrainer, Tschechen
und auch für Deutsche, als nach 1956 einige deutsche Gesellschaften offiziell
für kurze Zeit anerkannt wurden. (Laut Gesetz, aber nicht mehr in Wirklichkeit,
existierte in Woidenburg-Walbrzych von 1956 bis 1989 eine deutsche Gesellschaft).
Sicher sind heute die alten Schulbücher, voll von Propaganda der
sechziger Jahre, nicht mehr zu benutzen. Sie bleiben im Archiv des Bildungsministeriums.
Jetzt muß man in Polen entscheiden, mit welchen Büchern in
Minderheitenschulen Muttersprache, Literatur und Geschichte unterrichtet werden
soll. Eine Alternative zur Übersetzung polnischer Bücher kann nur die Erarbeitung
neuer Bücher sein. Daran müßte sich auch die Minderheit beteiligen.
Bis jetzt wurde das in Polen nicht gemacht, wohl aber anderswo. Z.B. lernt die
ungarische Minderheit in der Ukraine Geschichte und Ungarisch aus einem
Buch, das in der Ukraine für sie geschrieben wurde. Die Benutzung eines ausländischen
Schulbuches, wie es in den deutschen Schulen im dänischen
Schleswig vorkommt, ist in Schlesien, im Gegensatz zu anderen Gebieten, nicht
möglich. Die Deutschen in Dänemark lernen aus einem Schulbuch für das Bundesland
Schleswig, das die kulturelle Eigenart der ganzen, durch die Grenze
geteilten Region berücksichtigt. Vielleicht werden wir einmal eine Geschichte
Schlesiens haben, gemeinsam von Deutschen, Polen und Tschechen geschrieben.
Aber alle gescheiterten Versuche, eine gemeinsame Geschichte Europas zu
verfassen, legen auch in diesem Punkt Zweifel nahe.
Die Pflege der nationalen Tradition erfolgt nicht nur im Rahmen des Schulsystems,
Das Ministerium für Kultur unterstützt finanziell auch die Presse und
verschiedene kulturelle Veranstaltungen der Minderheiten, wie Theatergruppen,
Chöre usw. Die größte deutsche Minderheitenzeitung, das zweisprachige
„Wochenblatt Oberschlesische Zeitung“ - “Tygodnik Gazeta Gömoslaska“
erhielt im Jahre 1993 750 Millionen zl vom Staat (damals 1 DM = 10.000 zl,
ein durchschnittliches Monatsgehalt in Polen betrug 3 Millionen zl). In den fol¬322