Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

über, wie man in anderen multikulturellen Regionen Europas zusammenlebt. 
Das Unwissen zeigt sich auf beiden Seiten, und auf beiden Seiten gibt es noch 
Verdächtigungen und Mißachtung. 
Unabhängig von der Vertretung der Minderheit in der lokalen und zentralen 
Politik ist der Staat laut Verfassung und Verträgen verpflichtet, allen Minder¬ 
heiten die Möglichkeit der Entwicklung und Ausbildung zu sichern. Im pol¬ 
nischen Sejm gibt es seit 1989 einen Ausschuß für Nationale Minderheiten. Seit 
1991 besteht das am Anfang erwähnte Büro im Ministerium für Kultur, und in 
der Wojewodschaft Oppeln gibt es eine zuständige Bevollmächtigte des Woje- 
woden (Danuta Berliriska). Vor 1989 gehörten alle Angelegenheiten der Min¬ 
derheiten in die Zuständigkeit des Innenministeriums. Das Ministerium verteilte 
das Geld für kulturelle Zeitschriften. Es gab damals nur je eine Zeitschrift für 
jede Minderheit (eine jüdische, eine weißrussische, eine ukrainische, eine litau¬ 
ische, eine für Tschechen und Slowaken). Von Zeit zu Zeit gab es auch Versu¬ 
che, eine deutsche Zeitschrift zu gründen (natürlich völlig vom Staat kontrol¬ 
liert). Aber keine hat mehr als einige Nummern überlebt. 
Erst im Jahre 1989 wurde an der Pädagogischen Hochschule in Oppeln ein 
germanistisches Institut gegründet (früher war dies verboten). Das Institut, das 
sich heute schon in der neuen Universität Oppeln befindet, konnte bis jetzt 
nicht eine ausreichende Zahl von Deutschlehrern ausbilden. Deswegen wurde 
zusammen mit den Minderheitenpolitikem ein Projekt vorbereitet, andere Leh¬ 
rer, die schon Deutsch ohne pädagogische Vorbereitung unterrichten, zu schu¬ 
len und umzuqualifizieren. Die regionale Umschulungsaktion wird von Seiten 
der Minderheit organisatorisch und von der BRD auch finanziell unterstützt. 
Außerdem gibt es in ganz Polen eine Umschulung von Lehrern (vor allem ar¬ 
beitslosen Russisten), die jetzt Deutsch und Englisch unterrichten sollen. Im 
Schuljahr 1993/1994 wurde in der Wojewodschaft Oppeln in 244 Grundschulen 
(45 %) und in 25 Gymnasien (83 %) Deutsch unterrichtet. In ganz Polen lern¬ 
ten 11,4% der Grundschüler und 55 % der Gymnasiasten Deutsch. Für weitere 
100 Schulen in der Wojewodschaft, die Deutschunterricht einführen wollten, 
konnte man keine Lehrer finden. Auch ein paar Dutzend Lehrkräfte aus 
Deutschland unterrichten Deutsch in Oberschlesien. 
Die oben erwähnten Zahlen betreffen Deutsch als Fremdsprache. Deutsch als 
Muttersprache darf und kann nach einer Anordnung des polnischen Ministeri¬ 
ums für Nationale Erziehung auf dreierlei Weise unterrichtet werden: 
1. In Schulen mit zusätzlichem Deutschunterricht (3 Stunden wöchentlich), 
2. In zweisprachigen Schulen, 
3. In Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache (nur Polnisch und Gesell¬ 
schaftswissenschaften müssen auf polnisch unterricht werden). 
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