Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Polen behaupteten, daß vor der Abstimmung viele Deutsche aus anderen Ge¬ 
bieten nach Schlesien gekommen seien. Deutsche entgegneten darauf, das sei 
nicht rechtswidrig gewesen und habe nur einen winzigen Teil der Stimmen 
ausgemacht. Dagegen soll gemäß deutschen Vorwürfen die französische Ab¬ 
stimmungskommission öffentlich mit Polen sympathisiert haben. Kurz nach der 
Abstimmung brach der dritte polnische Aufstand in Oberschlesien aus. Nach 
blutigen Kämpfen (unter anderem um Annaberg bei Oppeln) beschlossen die 
Alliierten, die deutsch-polnische Grenze zwischen Oppeln und Kattowitz fest¬ 
zusetzen. Auf beiden Seiten der Grenze gab es Minderheiten. Nach dem Zwei¬ 
ten Weltkrieg war es für Polen eine Ehrensache, zu beweisen, daß die damalige 
Teilung Schlesiens ungerecht gewesen war. Deswegen verlief dann die natio¬ 
nale Verifizierung in Oppeln milder, und viele Autochthone, die nur Wasser¬ 
polnisch (und Deutsch) sprachen, durften dort als einst zwangsgermanisierte 
Polen bleiben. Sicher gab es dort in Wirklichkeit nach der Nazizeit kaum 
Leute, die im Jahre 1921 auf der polnischen Seite gekämpft hatten. In anderen 
Teilen der Gebiete, die nach dem Krieg zu Polen kamen, war die Verifizierung 
viel strenger. Dort durften und sollten nur diejenigen Deutschen bleiben, die 
man aus ökonomischen Gründen brauchte. 
Nach vierzig Jahren zeigten sich merkwürdigerweise der östliche Teil der 
Wojewodschaft Oppeln und einige Gemeinden im westlichen Teil der 
Wojewodschaften Kattowitz und Tschenstochau-Czgstochowa als eine Insel des 
Deutschtums im polnischen Meer. Bis zum Jahre 1988 gab es dort, zuerst offi¬ 
ziell, dann inoffiziell, ein Verbot, deutsch zu unterrichten, sogar als Fremd¬ 
sprache. Die Geschichte der vierziger Jahre mit der polnischen Vergeltungs¬ 
aktion und den Verbrechen im Straflager Lambsdorf-Lambinowice wurde tot¬ 
geschwiegen. Kurz nach der Wende in Polen sagte die Senatorin aus Oppeln, 
Dorota Simonides, über die PRL-Zeit folgendes: „Was Preußen in zwei Jahr¬ 
hunderten nicht geschafft hatten, erreichten polnische Kommunisten in vierzig 
Jahren - sie haben Oberschlesier zu Deutschen gemacht.“ Man muß dabei auch 
sagen, daß das Abschieben der ganzen Verantwortung auf die Kommunisten 
z.B. die Zwangspolonisierung der katholischen Kirche in diesem Gebiet außer 
Betracht läßt. Die Darstellung der geschichtlichen Unterschiede zwischen Deut¬ 
schen und deutschen Oberschlesiern, die sich aus dieser Aussage ergeben, 
überlassen wir den Historikern. Die Grundtatsache ist, daß wir Polen uns jetzt 
ganz plötzlich an ein paar Hunderttausend deutsche Mitbürger gewöhnen 
müssen. 
Seit 1989 ist die Sprachenpolitik und jede Politik des Staates gegenüber den 
Deutschen grundlegend anders als die Politik der vorhergehenden Periode. Das 
Recht auf Sprachunterricht und kulturelle Entwicklung der Minderheit und 
auch entsprechende Finanzierung ist im Vertrag über gute Nachbarschaft und 
Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen festgeschrieben. Ein grö¬ 
ßeres Problem als administrative Verbote und Begrenzungen bildet heute ein 
deutlicher Mangel an Deutschlehrern, Schulbüchern und auch an Wissen dar- 
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