Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Die  beiden  Faktoren  sind  miteinander  verbunden:  die  alte  „Polonia“  ging  meistens
  nach  Nordrhein-Westfalen,  wo  sie  sich  in  Bochum,  Bottrop,  Dortmund,
Essen,  Gelsenkirchen  und  anderen  Städten  konzentrierte,  und  zwar  in  Abstammungsgruppen
  (so  haben  sich  z.B.  Arbeitsmigranten  aus  Ostpreußen  in  Gelsenkirchen
  niedergelassen,  aus  Oppelnschlesien  -  in  Bottrop,  aus  Großpolen  -
in  Oberhausen  -  vgl.  Stefanski  1984,  36).  Die  kompakte  Ansiedlungsart  hat  den
Spracherhalt  begünstigt  -  so  beherrschen  heutige  Nachkommen  der  ersten  Immigranten
  noch  archaische  polnische  Mundarten).
Statistisch  gesehen  (nach  dem  Stand  vom  31.12.1989)  steht  unter  den  (alten)
Bundesländern  immer  noch  Nordrhein-Westfalen  auf  dem  ersten  Platz  (mit  einem
  Durchschnitt  von  69,4  Polen  auf  1000  Einwohner),  an  zweiter  Stelle  steht
Baden-Württemberg  (23,1),  an  dritter  Berlin  (17,9  -  nur  Berlin-West).
7. Linguistische  Beobachtungen.
Linguisten,  die  die  Sprache  der  Polen  im  Ausland  erforschen,  verwenden  den
Begriff  Soziolekt  (vgl.  Dubisz/Sfkowska  1990).  Es  ist  aber  schwierig,  die
„Polonia“  als  eine  soziale  Kategorie  zu  betrachten  -  sie  ist  eher  ein  statistisches
Aggregat  (d.h.  eine  Menge  von  Personen,  die  sich  emotional  mit  ihrem  Herkunftsland
  verbunden  fühlen:  in  erster  oder  in  nachfolgenden  Generationen  -
vgl.  Kubiak  1978,  125).
Für  diese  intern  sehr  differenzierte  Gruppe  ist  ein  aktiver  Bilinguismus  der
maßgebende  Umstand,  welcher  die  Eigenschaften  ihrer  Abstammungssprache
beeinflußt.  (Die  Bezeichnung  „Abstammungssprache“  bezieht  sich  auf  Polnisch,
welches  nicht  unbedingt  eine  Muttersprache  oder  wenigstens  eine  Primärsprache
sein  muß.)  Dementsprechend  kommt  eine  komposite  oder  eine  koordinierte
Zweisprachigkeit  in  Frage,  wobei  der  zweite  Typ  zu  überwiegen  scheint.  Ein
Gegenstand  linguistischer  Untersuchungen  ist  vor  allem  die  interlinguale  Interferenz,
  die  manchmal  als  eine  destruktive  Erscheinung  bewertet  wird,  wenn  sie
für  die  Kommunikation  nicht  effektiv  ist.
Es  fehlen  leider  umfangreiche  empirische  Untersuchungen  -  es  stehen  vorläufig
nur  fragmentarische  Beobachtungen  zur  Verfügung,  die  von  polnischen
Linguisten  während  ihrer  Arbeit  an  deutschen  Universitäten  gemacht  worden
sind  (Wöjtowiczowa  1981,  Michalewska  1986,  1991,  Mazur  1993).  Die  Kooperation
  der  Jagiellonen-Universität  Krakau  mit  der  Ruhr-Universität  Bochum  hat
zu  monographischen  Publikationen  geführt  (Michalewska  1991  und  Hentschel
1986;  letztere  Arbeit  hat  allerdings  nicht  die  Sprache  der  „Polonia“  zum  Gegenstand.
  Sie  basiert  auf  Material,  das  von  polnischen  Probanden  in  Krakau
gewonnen  wurde.)
Prozesse,  die  innerhalb  der  kommunizierenden  „Polonia“  zu  bemerken  sind,
unterscheiden  sich  qualitativ  nicht  von  den  Resultaten  einer  jahrhundertelangen
Nachbarschaft  beider  Völker  (vgl  dazu  die  Meinung  des  Sprachhistorikers  B.

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