daß ein Interesse an der geistigen Heimat mit dem Interesse an ihrer Sprache
verbunden ist. Und wie die Erforscher der australischen „Polonia“ betonen (vgl.
Smolicz 1990, 24-25), gehört die Sprache in der polnischen Kultur zu den
Grundwerten, die gepflegt und bewahrt werden.
Weitere Beobachtungen (Mazur 1993, Bartol-Jarosiriska 1994) zeigen, daß man
zwischen deklarierten und praktizierten Werten unterscheiden muß. Selbst wenn
natürliche Assimilationsbedürfnisse zum Sprachverlust führen, wird das Polnische
weiter zu den feierlichen Werten gezählt.
4. Wie bekannt, sind solche Werte eng mit dem verbunden, was zum Privatraum
eines Menschen gehört: ,Familie4, ,Freunde4 und ,Sacrum4. Das Private
steht paradoxerweise im Widerspruch zum Gesellschaftlichen: wenn eine Sprache
ihre öffentliche Funktion verliert, wenn sie keine Amtssprache mehr ist (in
den Behörden, in der Schule, in Massenmedien), verliert sie stark an Ansehen.
Der Wert von Prestigesymbolen kann aber nur über das Maß an gesellschaftlicher
Anerkennung bestimmt werden.
Solche Erfahrungen gehören zum Alltagsleben der Immigranten. Heute ist es
nicht mehr möglich, ein Kommunikationsmonopol der Muttersprache der Immigranten
zu bewahren, wie das vor dem zweiten Weltkrieg noch zu beobachten
war (es wird z.B. die Meinung vertreten, daß die nordamerikanische
„Polonia44 noch in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts einsprachig war;
dies war mit kompakten Siedlungsformen verbunden, welche erlaubten, ethnische
Inseln zu bilden).
5. In Deutschland - welches bis zum Jahre 1939 fast völlig monoethnisch war -
haben erste polnische Immigranten nach dem französisch-preußischen Krieg
(1870/71) in Nordrhein-Westfalen eine inselähnliche Ansiedlungsstruktur gebildet.
Da sie aus damals zum deutschen Reich gehörenden Gebieten stammten
(wie Kaschubei, Masuren, Großpolen, Schlesien), wurden sie in Statistiken zur
inneren Migration gezählt.
Sie waren „Broteinwanderer“ (in der polnischen Sprache haben sich zwei synonyme
Ausdrücke für diese Art der Emigration etabliert: za chlebem und na
saksy - ,nach Sachsen4 - die letzte Form wird bis heute verwendet). Die bäuerlichen
Landbewohner wie auch ihre in Deutschland geborenen Nachkommen,
die kein Hochpolnisch sprachen, stellen einen besonders interessanten Fall für
Dialektologen dar.l In der Tat haben Methoden der Dialektologie die Poloniaforschung
für längere Zeit geprägt. In den letzten Jahren hat sich allerdings der
In der Bochumer Sammlung befinden sich Aufnahmen gesprochener polnischer und
deutscher Texte der alten Immigranten, die in den sechziger Jahren von der van den Berk-Gruppe
interviewt wurden (Slavisches Institut der Ruhr-Universität). Die Probanden
haben sehr viele archaische Eigenschaften ihrer Sprache bewahrt.
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