Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

sen,  diskreditiert  wurden  und  deshalb  das  Ende  der  gemeinsamen  Staatlichkeit
und  damit  der  etatistischen  Sprachenpolitik  nicht  überlebten.
Verbindung  in  abgeschwächter  Form,  nämlich  als  Annäherung,66  wurde  in  der
Slavia  auch  in  einem  weiteren  Fall  angestrebt:  beim  Ober-  und  Niedersorbischen.
  Im  Rahmen  einer  Orthographiereform  nach  dem  zweiten  Weltkrieg
wurden  die  beiden  Standardsprachen  einander  angeglichen,  wobei  sich  das  Niedersorbische
  in  den  meisten  Punkten  dem  Obersorbischen  anpassen  mußte.  Die
Vorherrschaft  des  Obersorbischen  im  gesamten  öffentlichen  Leben  der  sorbischen
  Bevölkerung  begünstigte  diese  asymmetrische  Angleichung  weiter.  Heute
wird  die  niedersorbische  Standardsprache  von  der  Bevölkerung  vielfach  nicht
mehr  als  „ihre  Sprache”  empfunden.6?
Insgesamt  muß  man  feststellen,  daß  das  sprachenpolitische  Mittel  der  Verbindung
  in  der  Slavia  nicht  erfolgreich  gewesen  ist.  Der  Versuch,  Grenzen  auf
standardsprachlicher  Ebene  aufzuheben  oder  zumindest  abzumildem  (und  sei  es
nur  auf  der  Ebene  der  Glottonymie),  rief  vielmehr  nach  einer  Gegenbewegung.
Sie  versuchte,  wenigstens  auf  der  Ebene  der  Standardsprachen  möglichst  deutliche
  sprachliche  Grenzen  zu  schaffen  (wohl  auch  in  der  unausgesprochenen
Hoffnung,  diese  würden  mit  der  Zeit  auch  auf  das  Kontinuum  zurückwirken).
Dies  führte  zu  sprachpolitischen  Maßnahmen:  bei  der  Kodifizierung  wurde
(und  wird  in  zunehmendem  Maße)  darauf  geachtet,  daß  die  Standardsprache
sich  möglichst  stark  von  benachbarten  Standardsprachen  des  gleichen  Kontinuums
  abhebt.66 68

66 Solche  Bestrebungen  gab  und  gibt  es  auch  in  anderen  Kontinua.  Vergleichbar  sind  hier
etwa  die  „avischinaziun  miaivla”  für  das  Bündnerromanische  mit  seinen  fünf  kodifizierten
Formen  (vgl.  Arquint  1982,  296  ff.)  und  die  Bemühungen  des  Nordischen  Sprachenrates,
die  skandinavische  „Semikommunikation”  (Haugen  1966)  zu  fördern  (z.B.  durch  den
Ratgeber  Grünbaum  u.a.  1986);  zur  sprachlichen  Lage  vgl.  Haugen  1990.
b?  Ähnliche  Feststellungen  bezüglich  „sprachlicher  Überfremdung”  gibt  es  auch  zum
Slovakischen  (gegenüber  dem  Üechischen)  und  zum  Kroatischen  (gegenüber  dem  Serbischen),
  in  etwas  anderer  Form  auch  zum  Weißrussischen  und  Ukrainischen  (gegenüber
dem  Russischen),  zum  Makedonischen  und  Slovenischen  (gegenüber  dem  Serbokroatischen),
  z.T.  sogar  zu  allen  anderen  slavischen  Sprachen  (gegenüber  dem  Russischen).
Unter  den  Gegebenheiten  der  etatistischen  Sprachenpolitik  entbehrten  sie  meist  nicht  einer
gewissen  Berechtigung.  Es  ist  deshalb  nicht  verwunderlich,  daß  jetzt  im  Rahmen  der
jeweiligen  nationalen  Sprachpolitik  eine  Gegenbewegung  in  Form  von  puristischen  Strömungen
  einsetzt.
68  Dies  tritt  im  Falle  des  Kroatischen  sehr  deutlich  zutage.  Theoretisch  wird  zwar  gefordert
und  vorausgesetzt,  die  Kodifizierung  erfolge  „souverän-neutral”  (Babid  1991,  4),  die
Praxis  zeigt  aber,  daß  die  Abgrenzung  gegenüber  dem  Serbischen  eine  sehr  wichtige
Rolle  spielt.

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