Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Das Cechoslovakische hat eine etwas andere Geschichte. Im 19. Jahrhundert 
war davon nicht die Rede. Man sprach zwar von der Notwendigkeit einer ein¬ 
heitlichen Standardsprache für Böhmen, Mähren und die Slowakei; damit war 
aber immer das Cechische gemeint.62 Nach dem österreichisch-ungarischen 
Ausgleich trat diese Frage zunächst in den Hintergrund. Das Cechische war 
nämlich in der cisleithanischen Reichshälfte auf sich gestellt und mußte sich in 
äußerer Sprachenpolitik gegenüber dem Deutschen behaupten.63 Das Slovaki- 
sche dagegen war der Magyarisierungspolitik ausgesetzt, welche in Trans- 
leithanien herrschte, und konnte nur mit Mühe sein Überleben als im wesentli¬ 
chen gesprochene Sprachform sichern. Erst mit der Erringung der Eigenstaat¬ 
lichkeit änderte sich die Lage. Um nicht in der Ersten Tschechoslowakischen 
Republik eine sprachliche Grenze zugestehen zu müssen, sahen Verfassung und 
Sprachengesetz von 1920 eine „cechoslovakische Sprache” vor, die es, wie all¬ 
gemein anerkannt, aber nicht gab: sie wurde als cechische oder slovakische 
„Variante” realisiert.64 Dennoch wurde die Fiktion dieser Sprache bis zum 
Ende der Ersten Tschechoslowakischen Republik aufrechterhalten. Sie war 
auch Anlaß für Versuche, eine Annäherung zwischen der cechischen und der 
slovakischen Standardsprache herbeizuführen, die in aller Regel zu einer An¬ 
gleichung der slovakischen an die öechische Standardsprache führten. Diese 
Bestrebungen wurden in der Zweiten Republik wieder aufgenommen; erst seit 
der Föderalisierung von 1969 gibt es keine sprachenpolitischen Bemühungen in 
dieser Richtung mehr.65 
Cechoslovakisch und Serbokroatisch unterscheiden sich darin, daß die Vorstel¬ 
lung von der cechoslovakischen Sprache erst mit der gemeinsamen Staatlichkeit 
aufkommt, während letztere schon wesentlich früher entstanden ist. Beiden ist 
aber gemeinsam, daß sie durch sprachenpolitische Bemühungen (und z.T. 
Zwangsmaßnahmen), keine sprachliche Grenze innerhalb des Staates zuzulas¬ 
62 Vgl. etwa den schon erwähnten Sammelband Hlasowé 1846. 
63 Einen Einblick in die späte Phase dieser sprachenpolitischen Auseinandersetzung gibt der 
Beitrag von Prinz in diesem Band; vgl. auch die dort angegebene weiterführende Lite¬ 
ratur. 
64 Dabei gab es schon sehr früh die Ansicht, „öechoslovakisch” könne auch durch 
„Cechisch” ersetzt werden (was natürlich die erwähnte Vorstellung von einer einheitlichen 
Standardsprache aus dem 19. Jahrhundert weiterführte); ein Ausfluß dieser Vorstellung 
(oder war es schlicht Unwissenheit?) findet sich übrigens auch im Friedensvertrag von 
Saint Germain, wo beim Schutz sprachlicher Minderheiten nur von „ressortissants de 
langue autre que le tchèque... (que la langue tchèque)” die Rede ist (Kap. I Art. 7 und 9) 
und wo der Regierung das Recht zugebilligt wird, „de rendre obligatoire l’enseignement 
de la langue tchèque” (Art. 9; vgl. Hartmann 1925, 20 und 22): bei wörtlicher Auslegung 
hätten Slovakischsprechende als sprachliche Minderheit gelten müssen. 
65 Zum Verhältnis zwischen Cechisch und Slovakisch vgl. FrySöak 1978 und Salzmann 
1980, zum Slovakischen besonders Rufciika 1973. 
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