Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

sehe  umfassen  sollte.56  Das  Serbokroatische  hatte  als  Standardsprache  im  Verlaufe
  des  19.  und  zu  Beginn  des  20.  Jahrhunderts  allgemeine  Anerkennung  gefunden.
  Wie  diese  Standardsprache  mit  ihren  unterschiedlichen  Traditionen
(insbesondere  der  lateinisch-ijekavischen  von  Zagreb  und  der  kyrillisch-ekavischen
  von  Beograd)  ausgestaltet  werden  sollte,  war  allerdings  unklar,  und  das
führte  mit  dem  Beginn  der  Eigenstaatlichkeit  Jugoslawiens  zu  ständigem  Streit.
Die  Verbindung  von  Serbisch  und  Kroatisch,  vor  der  staatlichen  Selbständigkeit
  freiwillig  erreicht,  wurde  im  selbständigen  Jugoslawien  von  kroatischer
Seite  bald  als  sprachenpolitische  Zwangsmaßnahme  empfunden  und  verworfen,
sobald  sie  nicht  mehr  von  staatlicher  Seite  aufrechterhalten  wurde.57  Der
Grund,  warum  die  Verbindung  von  Serbisch  und  Kroatisch  sich  im  19.  Jahrhundert
  durchsetzen  konnte,  ist  (neben  der  Wirkung  bestimmter  ideologischer
Vorstellungen  wie  der  Idee  der  slavischen  Wechselseitigkeit)  wohl  in  der
Struktur  des  sprachlichen  Kontinuums  zu  suchen.  Durch  ungewöhnlich  verwickelte
  Wanderungsbewegungen  in  der  Zeit  der  osmanischen  und  österreichisch-ungarischen
  Herrschaft  war  das  Kontinuum  in  seiner  ursprünglichen
Form  nicht  mehr  vorhanden,  und  so  ließen  sich  auch  keine  klaren  sprachlichen
Grenzgebiete  ausmachen.58  Die  etatistische  Sprachenpolitik  nutzte  diesen  Umstand
  für  ihre  Zwecke  und  suchte  die  Verbindung  in  eine  Einheit  umzuwandeln.59
  Gegenwärtig,  nach  dem  Zerfall  des  sozialistischen  Jugoslawiens,  sucht
man  neu  Grenzen  zu  schaffen,  z.T.  auf  dem  Weg  über  „ethnische  Säuberungen”.60
  Folgerichtig  werden  auch  neue  Standardsprachen  geschaffen,  die  früher
bestenfalls  als  Varianten  einer  Standardsprache  galten;  heute  hat  man  wohl  von
der  kroatischen,  der  bosnischen  und  der  serbischen  Standardsprache  auszugehen,
  die  sich  (vorläufig  jedenfalls)  nur  geringfügig  von  einander  unterscheiden.61


56  Am  ausführlichsten  ist  die  Geschichte  der  Sprachenpolitik  des  Serbokroatischen
zusammengestellt  bei  Reh  1981.
57  Dies  war  erstmals  während  des  zweiten  Weltkriegs  der  Fall.  Widerstand  begann  sich
erneut  in  den  sechziger  Jahren  zu  regen,  und  er  führte  zur  zunehmenden  Verselbständigung
  des  Kroatischen.
58  Zu  den  Veränderungen  im  Kontinuum  im  Verlauf  der  Geschichte  vgl.  Popovic  1960.
59  Dieses  Ziel  verfolgten  auch  die  zahlreichen  Versuche,  das  Serbokroatische  zu  vereinheitlichen
  (etwa  der  Vorschlag  von  Marjanovid  von  1911,  der  1913  von  Skerlid
aufgenommen  wurde  und  später  u.a.  die  Unterstützung  von  Ivo  Andrid  fand,  ekavisch
und  lateinisch  zu  schreiben;  anders  ausgestaltet,  aber  in  der  gleichen  Tradition  stehend,
war  die  sprachliche  Übereinkunft  von  Novi  Sad  1954).  Vgl.  zur  Sprachenpolitik  in
Jugoslawien  den  Sammelband  Bugarski/Hawkesworth  1992.
60  Dies  sind  gleichzeitig  auch  sprachliche  Säuberungen:  So  wurden  in  den  serbisch  beherrschten
  Gebieten  Bosniens  und  der  Herzegowina  die  kyrillische  Schrift  und  der
Ekavismus  für  verbindlich  erklärt.  (Auffällig  ist  dabei,  daß  sprachenpolitische  Erlasse  mit
zu  den  ersten  Maßnahmen  neuer  Machthaber  gehörten.)  Vgl.  zur  neueren  Entwicklung
Bugarski  1994.
61  Vgl.  dazu  (allerdings  ohne  Berücksichtigung  der  neuesten  Entwicklungen)  Thomas  1994.

293
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.