Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Es  ist  festzuhalten,  daß  die  Vorschläge  von  den  Vertretern  derjenigen  Standardsprachen,
  die  von  der  Abspaltung  betroffen  sind,  im  allgemeinen  abgelehnt
werden.51
Sowohl  Eingliederung  als  auch  Abspaltung  sind  in  der  Regel  sprachenpolitische
Erscheinungen,  die  bevorzugt  Grenzgebiete  betreffen.  Es  werden  kleine  Gebiete
  eingegliedert,  die  am  Rand  des  Geltungsbereichs  einer  Standardsprache
liegen,  und  zwar  meist,  um  sprachliche  Grenzen  bestehenden  oder  angestrebten
außersprachlichen  (meist  politischen)  Grenzen  anzugleichen.  Die  Abspaltung
betrifft  auch  Randgebiete,  und  die  Gründe  für  eine  Abspaltung  können  die  gleichen
  sein  wie  für  eine  Eingliederung.  Daneben  gibt  es  aber  auch  einen  innersprachlichen
  Grund  für  die  Abspaltung:  die  überdachende  Standardsprache  wird
als  zu  weit  von  den  sprachlichen  Formen  des  Kontinuums  entfernt  empfunden.52

Eine  Besonderheit  der  Sprachenpolitik  in  der  Slavia  besteht  darin,  daß  es  neben
Eingliederung  und  Abspaltung  auch  noch  den  Sonderfall  der  Verbindung
gibt.53  Er  ist  belegt  in  zwei  Beispielen,  die  beide  gescheitert  sind.  Das  eine  ist
der  Fall  des  Serbokroatischen,  das  andere  die  cechoslovakische  Sprache.  Schon
an  der  Sprachbezeichnung  (der  Glottonymie)54  wird  der  Sonderfall  deutlich.55
Das  Serbokroatische  war  Überrest  einer  ursprünglich  noch  größer  angelegten
Verbindung,  der  „illyrischen  Sprache”,  die  auch  noch  das  nachmalige  Sloveni-51

  Im  Falle  der  jitvjeia  voloda  wird  öfters  die  „Hand  Moskaus”  hinter  dem  Vorschlag  vermutet:
  Ziel  des  Vorhabens  wäre  die  Schwächung  der  weißrussischen  und  der  ukrainischen
  Standardsprache.
52  Der  Abstand  zwischen  Kontinuum  und  überdachender  Standardsprache  läßt  sich  natürlich
  nicht  genau  berechnen.  Vor  allem  aber  scheint  der  Punkt,  an  dem  der  Abstand  zu
groß  wird,  nicht  überall  gleich  zu  sein.  Innerhalb  des  slavischen  Kontinuums  liegt  er
ziemlich  niedrig:  „Z.B.  wird  innerhalb  des  deutschen  Sprachraumes  die  Grenze  zwischen
Sprache  und  Mundart  traditionell  weiter  gezogen  als  im  slawischen  Bereich.  Ein  Abstand,
wie  er  z.B.  zwischen  dem  Hochalemannischen  (Waiserisch)  und  der  deutschen  Schriftsprache
  besteht,  würde  im  slawischen  wie  im  romanischen  Bereich  möglicherweise
ausreichen,  um  das  Waiserische  zur  Abstandsprache  zu  erklären.”  (Kloss  1969a,  147).
53  Vergleichbar  ist  dieser  Fall  außerhalb  der  Slavia  am  ehesten  mit  der  Idee  Gandhis,  Hindi
und  Urdu  als  Hindustani  zusammenzufassen;  vgl.  Gopal  1966,  180  ff.
5^  Zur  Glottonymie  allgemein  vgl.  Goebl  1979,  8-31.
55  Die  Besonderheit  besteht  darin,  daß  die  beiden  Bestandteile  der  Sprachbezeichnung
zusammenzuzählen  sind;  sonst  schränkt  bei  zusammengesetzten  Sprachbezeichnungen
(amerikanisches  Englisch,  Schweizerdeutsch  usw.)  der  eine  Begriff  den  anderen  ein.  Das
einzige  andere  mir  bekannte  Beispiel  dieses  Typs,  „Melindo”  (=  Mel[aju]-Indo[nesia]),
scheint  nicht  erfolgreich  gewesen  zu  sein,  vgl.  Alisjahbana  1974,  411  ff.,  und  Asmah
1992,403  f.

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