wirklichen Eingliederung gibt es eine abgeschwächte Form, den Geltungsbereich
einer Standardsprache auf denjenigen einer anderen auszudehnen, die man
als „schleichende Überfremdung” bezeichnen kann. Sie ist v.a. im ostslavischen
Bereich und hier besonders am Beispiel des Weißrussischen zu beobachten. Die
Überfremdung äußert sich darin, daß die überfremdende Standardsprache (hier
das Russische) zunehmend die eigentlich überdachende Standardsprache (das
Weißrussische) be- und in einigen Fällen sogar verdrängt.* 42
Ergebnis der Eingliederung ist jedenfalls eine sprachliche Grenzverschiebung.
In gewissen Fällen kann eine sprachliche Grenze sogar ganz verschwinden. Dadurch
entstehen neue sprachliche Grenzgebiete, die ihrerseits wieder sprachenpolitische
Maßnahmen erforderlich machen können.
Abspaltung ist das Gegenstück zur Eingliederung, und auch sie ist in der Sprachenpolitik
oft anzutreffen.43 Außerhalb der Slavia stehen als Beispiele etwa
das Letzebuergesch bezüglich der deutschen Standardsprache und das (mittlerweile
moribunde) Moldauische gegenüber dem Rumänischen zur Verfügung.44
In der Slavia ist diese Erscheinung recht ausgeprägt. Am deutlichsten
tritt sie im ostslavischen Gebiet zutage. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
war für das gesamte Gebiet die russische Standardsprache verbindlich. Erst
nach der Revolution von 1905 bzw. 1917 übernahmen die ukrainische und die
weißrussische Standardsprache die Funktionen der russischen Standardsprache
Russische zumindest als Verkehrssprache durchzusetzen. Heute muß dieser Versuch
allerdings als gescheitert gelten. Als Kuriosum sei in diesem Zusammenhang ein Buch
aus jüngerer Zeit erwähnt, in dem (von einem polnischen Verfasser und in polnischer
Sprache) Polnisch als die ideale Welthilfssprache vorgeschlagen wird (Susskin 1990).
42 Im Sprachengesetz von 1990 wurde das Weißrussische zur Staatssprache von
Weißrußland erklärt. Durch das Referendum von 1995 erhielt das Russische aber
(wieder) die Gleichberechtigung. Heute ist es so, daß Russisch die Stadtsprache ist,
Weißrussisch die Sprache der ländlichen Gebiete (meist auf der Ebene des Kontinuums,
nicht auf derjenigen der Standardsprache). Vgl. dazu Wexler 1992 und Bieder 1995.
43 Für diese Erscheinung ist der Begriff Glottotomie vorgeschlagen worden; vgl. Goebl
1979, 31 ff.
44 Zum Letzebuergeschen vgl. Hoffmann 1979 und 1987. In diesem Zusammenhang sollte
erwähnt werden, daß diese Sprache in jüngster Zeit beginnt, Überdachungsfunktionen für
die an Luxemburg grenzenden Gebiete in Frankreich und Belgien zu übernehmen, also
eingliedemd zu wirken (Berg 1995). Zum Rumänischen und Moldauischen vgl. Haarmann
1978 und, für die neuere Entwicklung, Heitmann 1989. Durch den Wegfall des
zentralstaatlichen Drucks mit dem Ende der UdSSR wurde im Geltungsgebiet der
moldauischen Standardsprache die Rückkehr zur Lateinschrift und das Zusammengehen
mit der rumänischen Standardsprache möglich. Das spezifisch „Moldauische” beschränkt
sich damit auf einzelne Besonderheiten (v.a. im Wortschatz) und ist in dieser Hinsicht
dem „Österreichischen” (oder vielleicht sogar dem „DDR-Deutsch”) vergleichbar.
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