Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

-  Eingliederung:  Die  Überdachung  wird  auf  einen  Teil  des  Kontinuums  ausgedehnt,
  der  ursprünglich  außerhalb  der  betreffenden  (ggf.  unter  einer  anderen)
  Überdachung  stand.
-  Abspaltung:  Ein  Teil  des  Kontinuums  verläßt  eine  bestehende  Überdachung
  und  schafft  sich  eine  neue.
-  Verbindung:  Ursprünglich  selbständige  und  gesondert  überdachte  Teile  des
Kontinuums  schaffen  ein  gemeinsames  neues  Dach.
Die  erste  Möglichkeit  führt  kaum  zu  Schwierigkeiten  und  verlangt  auch  nicht
nach  sprachenpolitischen  Eingriffen.  Sie  kommt  vor  allem  bei  Standardsprachen
  vor,  die  über  längere  Zeit  geschichtlich  gewachsen  sind.  Beispiele  dafür
finden  sich  in  der  Romania  und  der  Germania,  nicht  aber  in  der  Slavia,  jedenfalls
  nicht  dann,  wenn  man  die  gesamte  geschichtliche  Entwicklung  betrachtet.
Die  restlichen  Möglichkeiten  sind  für  die  Slavia  typisch.  Sie  sind  in  jedem
Falle  das  Ergebnis  sprachenpolitischer  Einflußnahme  und  müssen  vor  dem
Hintergrund  der  außersprachlichen  Bedingungen  betrachtet  werden,  welche  für
den  betreffenden  Abschnitt  der  Entwicklung  der  Sprachenpolitik  kennzeichnend
  sind.  Dabei  ist  es  oft  so,  daß  im  Lauf  der  Geschichte  verschiedene  der
oben  erwähnten  Möglichkeiten  in  einem  Gebiet  wirksam  werden.  Um  dies  zu
verdeutlichen,  will  ich,  bevor  ich  mich  den  einzelnen  Möglichkeiten  gesondert
widme,  am  Beispiel  von  Mazedonien  die  Wechselfälle  der  geschichtlichen
Entwicklung  und  das  Zusammenspiel  der  verschiedenen  sprachenpolitischen
Möglichkeiten  aufzeigen.
Mazedonien  ist  seit  dem  Mittelalter  ein  Teil  des  südslavischen  Kontinuums.  Es
läßt  sich  geographisch  in  drei  Teile  gliedern:  Vardar-Mazedonien,  Ägäis-Mazedonien
  und  Pirin-Mazedonien.  Politisch  gehörte  es  nacheinander  zu  Byzanz,  zu
Bulgarien,  zu  Serbien  und  zum  Osmanischen  Reich.  Im  Gefolge  des  zunehmenden
  Auseinanderfallens  des  Osmanischen  Reichs  und  als  Ergebnis  der  Balkankriege
  zwischen  dem  Osmanischen  Reich,  Serbien,  Griechenland  und  Bulgarien
  ist  das  Gebiet  seither  und  bis  heute  politisch  auf  drei  Staaten  aufgeteilt:
Vardar-Mazedonien  bildet  die  Republik  Mazedonien  (früher  als  Sozialistische
Republik  Mazedonien  ein  Teil  der  Sozialistischen  Föderativen  Republik  Jugoslawien),
  Ägäis-Mazedonien  gehört  zu  Griechenland  und  Pirin-Mazedonien  zu
Bulgarien.
Während  der  Zugehörigkeit  zum  Osmanischen  Reich  war  Mazedonien  sprachlich
  auf  Bulgarien  ausgerichtet,  und  das  slavische  sprachliche  Kontinuum  wurde
damit  bis  1912  von  der  bulgarischen  Standardsprache  überdacht.32  Mit  der
Teilung  Mazedoniens  kam  Ägäis-Mazedonien,  abgesehen  von  zwei  kurzen  Zwischenspielen
  während  des  ersten  und  zweiten  Weltkriegs,  zu  Griechenland.  Eine

32 Ausgeklammert  ist  hier  die  Rolle,  welche  nichtslavische  Sprachen  spielten  (insbesondere
Griechisch  und  Türkisch).
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