Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

nuum  spätestens  seit  dem  11.  Jahrhundert  ständig  zurückwich.23  Dies  war  der
geschichtliche  Hintergrund  für  die  defensive  Haltung.  Dazu  kam  aber  noch  die
Tatsache,  daß  das  slavische  Kontinuum,  insbesondere  im  19.  Jahrhundert,  durch
benachbarte  Standardsprachen  bedroht  schien  (v.a.  Deutsch,  Ungarisch,  Griechisch,
  in  geringerem  Maße  auch  Italienisch).  Die  Bedrohung  ergab  sich  in  erster
  Linie  daraus,  daß  die  Gegenspieler  Standardsprachen  waren,  während  das
slavische  Kontinuum  in  den  betreffenden  Gebieten  noch  nicht  durch  allgemein
anerkannte  und  fest  verankerte  Standardsprachen  überdacht  war.  (Die  einzige
Ausnahme  bildete  hier  das  Polnische.)24  Es  ist  deshalb  nicht  erstaunlich,  daß
die  Sprachenpolitik  zuerst  sprachpolitisch  tätig  wurde,  und  zwar  auf  dem  Gebiet
  der  Kodifizierung.  Mit  dem  sprachenpolitischen  Ziel,  das  Gebiet  der  Slavia
gegenüber  dem  Vordringen  nichtslavischer  Standardsprachen  zu  verteidigen,
entstanden  slavische  Standardsprachen  im  19.  Jahrhundert  vor  allem  in  diesen
Grenzgebieten  (Obersorbisch,  Niedersorbisch  und  Cechisch  im  Grenzgebiet
zum  Deutschen,  Slovakisch  gegenüber  dem  Ungarischen  und  dem  Deutschen,
Slovenisch  und  Serbokroatisch  hauptsächlich  gegenüber  dem  Deutschen,  Ungarischen
  und  Italienischen,  Bulgarisch  gegenüber  dem  Griechischen).
Die  Bemühungen  um  die  Bewahrung  des  slavischen  sprachlichen  Kontinuums
gingen  einher  mit  einer  weiteren  Erscheinung,  die  man  als  „Ideologisierung”
der  Slavia  bezeichnen  kann  und  die  auch  sprachenpolitische  Folgen  zeitigte.
Gemeint  ist  die  Idee  von  der  Einheit  der  Slaven,  die  sich,  neben  reichlich  nebelhaften
  Vorstellungen  von  Volkscharakter,  gemeinsamer  Geschichte  und
Sendung,  überzeugend  nur  auf  sprachliche  Verwandtschaft  berufen  konnte.
Diese  Vorstellung  ist  im  slavischen  Raum  aufgrund  ihrer  unterschiedlichen
Ausprägungen  unter  den  Begriffen  „slavische  Wiedergeburt”,  „slavische  Wechselseitigkeit”
  bzw.  „Slavophilie”  bekannt,  auch  der  „Austroslavismus“  und  die
„Eurasier-Bewegung“  gehören  in  dieses  Umfeld;  außerhalb  der  Slavia  wird
meist  als  Sammelbegriff  „Panslavismus”  verwendet.25  Sprachenpolitisch  äußerten
  sich  diese  Vorstellungen  entweder  in  einer  Wertschätzung  aller  slavischen

23  Zum  Zeitpunkt  seiner  größten  Ausdehnung  erstreckte  sich  das  slavische  sprachliche
Kontinuum  im  Westen  bis  an  die  Elbe,  z.T.  sogar  darüber  hinaus,  und  im  Süden  bis  auf
den  Peloponnes.
24  Selbst  hier  gab  es  aber  die  Gefahr  der  „Sprachilloyalität”  (Kramer  1990)  aufgrund  der
Gallomanie  der  „gebildeten”  Schichten  (die  bekanntlich  auch  in  Rußland  eine  große  Rolle
spielte  und  z.T.  in  makkaronistischer  Dichtung  angeprangert  wurde,  etwa  von  Mjatlev),
vgl.  die  Beschreibung  der  „multikulturellen”  Ausrichtung  eines  Warschauer  Salons  durch
Jözef  Bogdan  Dziekoriski  1848:  „Rozmawiano  po  francusku.  Spiewano  po  wtosku.
Tariczono  po  niemiecku.  Jedzono  kolacja  po  angielsku  -  ja  milczalem  po  polsku.”  [„Die
Konversation  war  französisch.  Gesungen  wurde  italienisch.  Getanzt  deutsch.  Gespeist
englisch;  ich  schwieg  polnisch.”]  (Dziekoriski  1967,  20).
25  Einen  Überblick,  dessen  Schwerpunkt  auf  dem  Politisch-Ideologischen  und  auf  der
russischen  Tradition  liegt,  gibt  Giusti  1993.  Zur  sprachlich-literarischen  Seite  ist  das
Standardwerk  weiterhin  Wollman  1958.

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