Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

zialistischen Staatensystems, kann ihm aber vorausgehen (ihn vielleicht mit 
auslösen), ihn begleiten oder ihm nachfolgen. Kennzeichnend für diesen Ab¬ 
schnitt im Gegensatz zum vorhergehenden ist, vereinfacht ausgedrückt, folgen¬ 
des: Es bestimmt nicht länger der Staat die Sprache; vielmehr begründet die 
Sprache den Staat. Das bedeutet, daß die sprachliche Grenze nicht mehr eine 
veränderbare Größe darstellt, sondern daß die staatlichen Grenzen in Abhän¬ 
gigkeit von den sprachlichen Grenzen neu gezogen werden können. 
Dieser dritte Abschnitt kam wohl für die meisten, die sich mit sprachenpoliti¬ 
schen Fragen beschäftigen, genau so unerwartet wie die politischen Verände¬ 
rungen, in deren Umfeld er gesehen werden muß. Die grundlegende Umgestal¬ 
tung der Lage ist wissenschaftlich noch nicht erfaßt und verarbeitet. Insbeson¬ 
dere ist unklar, wie sich die Slavia sprachenpolitisch weiter entwickeln wird. 
Zahlreiche Anzeichen lassen den Schluß zu, daß der heutige Zustand in vielen 
Gebieten nicht von Dauer sein wird. Dies gilt, wie noch zu zeigen sein wird, 
insbesondere für das Serbokroatische, das Weißrussische und das Ober- sowie 
Niedersorbische. 
Nach diesem geschichtlichen Überblick über die Sprachenpolitik in der Slavia 
allgemein gehe ich nun zur Besprechung der Sprachenpolitik in den Grenzge¬ 
bieten der Slavia über. Dabei ist es sinnvoll, zwischen einer äußeren und einer 
inneren Sprachenpolitik zu unterscheiden, wobei die beiden Begriffe aus dem 
Blickwinkel der Gesamt-Slavia heraus zu verstehen sind. Äußere Sprachenpoli¬ 
tik meint dabei die Politik zugunsten slavischer Standardsprachen gegenüber 
Standardsprachen anderer Kontinua (z.B. Cechisch gegen Deutsch). Innere 
Sprachenpolitik ist dagegen die Politik zugunsten einer slavischen Standard¬ 
sprache gegenüber einer anderen slavischen Standardsprache (z.B. Slovakisch 
gegen Cechisch). Bei der äußeren Sprachenpolitik unterscheiden sich die in der 
Slavia angewandten Mittel nicht groß von denen, die auch anderswo Vorkom¬ 
men; höchstens in ihrer Ausprägung lassen sich Besonderheiten feststellen. An¬ 
ders sieht es bei der inneren Sprachenpolitik aus. Zum einen ist hier die Politik 
viel ausgeprägter und tritt offener zutage als in anderen Kontinua. Zum andern 
gibt es hier Erscheinungen, die m.W. in der Sprachenpolitik, zumindest in Eu¬ 
ropa, einzigartig sind. 
Die äußere Sprachenpolitik in der Slavia ging, von zwei Ausnahmen abgese¬ 
hen, ursprünglich immer von einer defensiven Grundeinstellung aus. Es galt, 
das Gebiet der Slavia gegenüber der Bedrohung durch andere Kontinua zu be¬ 
haupten; eine Ausdehnung wurde dagegen nicht angestrebt. Diese Grundhaltung 
ist kennzeichnend für den ersten zeitlichen Abschnitt der Sprachenpolitik in der 
Slavia und z.T. auch für die erste Hälfte des zweiten. Am deutlichsten trat sie 
im Westen und im Süden des Sprachgebiets zutage, wo das slavische Konti¬ 
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