Full text: Sprachenpolitik in Grenzregionen

Nationalitätenpolitik”.18 Getrennt werden sie durch den zweiten Weltkrieg, in 
dessen Umfeld einige sprachenpolitische Versuche unternommen werden, die 
aber zusammen mit den sie unterstützenden politischen Gebilden ein Ende fin¬ 
den und erst im dritten Abschnitt ihre Wiederbelebung erfahren. 
Die „Völkerbundszeit” bedeutete für die meisten slavischen Völker die 
Erringung (oder Wiederherstellung) der staatlichen Selbständigkeit. Nach dem 
Willen der Siegermächte und gemäß den Vorstellungen der Zeit hätten aus den 
alten Vielvölkerstaaten (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, im weiteren 
Zusammenhang auch Rußland) ethnisch und sprachlich einheitliche Nachfolge¬ 
staaten entstehen sollen. Dies ließ sich nicht verwirklichen: alle Nachfolgestaa¬ 
ten, auch die slavischen, beherbergten in ihren Grenzen Minderheiten. Diese 
standen zwar unter dem Schutz entsprechender Bestimmungen in den Pariser 
Vorortsverträgen,19 gerade auch in sprachlicher Hinsicht, doch erfüllte keiner 
der Staaten die von ihm eingegangenen Verpflichtungen.20 Alle versuchten sie 
vielmehr, die fehlende sprachliche Einheitlichkeit durch sprachenpolitische 
Maßnahmen herbeizuführen. Staatliche und sprachliche Grenzen sollten in 
Einklang gebracht werden, und wo sie es nicht waren, zielte die Sprachenpoli¬ 
tik darauf ab, die sprachlichen Grenzen den staatlichen anzupassen. 
Die „marxistisch-leninistische Nationalitätenpolitik”,21 die immer auch Spra¬ 
chenpolitik war,22 fußte theoretisch auf der Vorstellung von der Gleichberech¬ 
tigung und dem Selbstbestimmungsrecht aller Nationen. Auf der anderen Seite 
standen dem aber der proletarische Internationalismus sowie (macht)politische 
Überlegungen gegenüber. Die dialektische Verbindung dieser Gesichtspunkte 
zeitigte ein auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: die Sprachenpolitik 
der Nachkriegszeit unterscheidet sich in ihren Grundzügen nicht wesentlich von 
derjenigen der „Völkerbundszeit”, nur daß man jetzt z.T. wesentlich einschnei¬ 
dendere Maßnahmen ergriff, um zum Ziel zu gelangen. 
Der dritte Abschnitt beginnt, wie erwähnt, für die einzelnen Sprachgebiete zu 
unterschiedlichen Zeiten. Er hängt immer zusammen mit dem Zerfall des so¬ 
18 Diese Unterteilung gilt nicht für die UdSSR, wo theoretisch gleichmäßig die „marxi¬ 
stisch-leninistische Nationalitätenpolitik” die Grundlage für die Sprachenpolitik abgab, 
tatsächlich aber beachüiche Schwankungen festzustellen sind, die sich aus der jeweiligen 
politischen Lage erklären lassen. 
19 Zusammengestellt ist dieses Verfahren des Minderheitenschutzes der Völkerbundszeit bei 
Wintgens 1930. Vgl. auch den Beitrag von Oeter in diesem Band. 
20 Vgl. dazu die Lageberichte bei Ammende 1931 und 1932. 
21 Einen gedrängten Überblick über die Grundsätze bietet Nowusch 1988, 19-25, unter 
Berücksichtigung der einschlägigen Autoritäten (Marx, Engels, Lenin; Stalin fehlt natür¬ 
lich, obwohl er eigentlich der Fachmann für Nationalitätenfragen war). 
22 Die Grundzüge der marxistisch-leninistischen Sprach- und Sprachenpolitik stellte zuletzt 
Bochmann 1986 dar (zur Sprachenpolitik v.a. 92 ff.). 
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