Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

chenslavischen  konnte  sogar  eine  mehrfache  Emanzipation  notwendig  sein,  so
etwa  gegenüber  dem  Kirchenslavischen,  dem  Griechischen  und/oder  dem  Osmanisch-Türkischen
  im  südslavischen  Bereich.
Die  Slavia  romana  hatte  es  in  dieser  Hinsicht  leichter,  da  sich  hier  die  Standardsprachen
  nur  gegenüber  „fremden”  Schrift-  bzw.  Standardsprachen  durchsetzen
  mußten  (in  der  Anfangszeit  v.a.  Latein,  später  in  Abhängigkeit  vom  jeweiligen
  Gebiet  andere  Standardsprachen  wie  Deutsch,  Ungarisch,  Italienisch,
außerdem  überregional  Französisch).
Insgesamt  kann  man  (im  Wege  einer  Annäherung,  die  immer  auch  eine  wissenschaftlich
  fragwürdige  Vereinfachung  beinhaltet)  die  Lage  in  der  Slavia  orthodoxa
  mit  derjenigen  in  der  Romania  vergleichen  (wo  das  Lateinische  z.T.  dieselbe
  Rolle  spielt  wie  das  Kirchenslavische  in  der  Slavia  orthodoxa),  während
die  Slavia  romana  in  dieser  Hinsicht  den  Sprachgemeinschaften  Europas
gleicht,  die  nicht  zur  Romania  gehören.  15
Als  Ergebnis  der  sprachenpolitischen  Bemühungen  in  der  Slavia  lag  am  Ende
des  ersten  Abschnitts  mit  einer  Ausnahme16  der  im  wesentlichen  anerkannte
Kanon  der  slavischen  Standardsprachen  vor  (siehe  Abb.  1),  entweder  in  weitgehend
  festgelegter  Form  (z.B.  Russisch  und  Polnisch)  oder  zumindest  in  einer
vorläufigen  Fassung  (z.B.  Weißrussisch).
Der  zweite  Abschnitt  beginnt  mit  der  politischen  Neuordnung  Europas  nach
dem  ersten  Weltkrieg  und  endet  ungefähr  mit  dem  Zerfall  des  sozialistischen
Staatensystems.* 17  Er  ist  gekennzeichnet  durch  die  Vorstellung,  daß  der  Staat
die  Sprache  bestimmt  (etatistische  Sprachenpolitik).  Er  läßt  sich  weiter  unterteilen
  in  eine  „Völkerbundszeit”  und  in  die  Zeit  der  „marxistisch-leninistischen

Der  Vergleich  von  Latein  und  Kirchenslavisch  ist  schon  vielfach  angestellt  worden.  Es  ist
deshalb  sicher  angebracht,  an  die  Mahnung  zu  erinnern,  „daß  man  diese  fast  schon  traditionell
  gewordene  Analogiesetzung  nur  sehr  behutsam  anwenden  darf.”  (Keipert  1987,
108,  der  die  Frage  der  Vergleichbarkeit  ausführlich  erörtert).
16  Es  handelt  sich  dabei  um  die  makedonische  Standardsprache.  Zwar  gab  es  seit  Beginn  des
Jahrhunderts  einen  Vorschlag  zur  Gestaltung  einer  makedonischen  Standardsprache
(Misirkov  1903,  besonders  132-145),  doch  blieb  dies  zunächst  ohne  Wirkung.  Die  Kodifizierung
  von  1944/45  berief  sich  nicht  auf  Misirkovs  Vorschläge.  Vgl.  zur  Geschichte
der  makedonischen  Standardsprache  Auburger  1976,  Friedman  1985  und  1993  sowie
Hill  1992,  besonders  135  ff.
17  Das  Ende  dieses  Abschnitts  und  der  Übergang  zum  nächsten  ist  meist  nicht  klar
abgegrenzt,  sondern  fließend.  Außerdem  setzt  der  Übergang  in  den  einzelnen  Gebieten  zu
einem  unterschiedlichen  Zeitpunkt  ein  und  kann  den  politischen  Ereignissen  vorausgehen
oder  hinterherhinken.  In  Kroatien  und  in  der  Tschechoslowakei  beginnt  er  schon  in  den
sechziger  Jahren,  in  Weißrußland  im  wesentlichen  erst  nach  dem  Zerfall  der  UdSSR.

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