Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Die  Sprachenpolitik  in  den  Grenzgebieten  der  Slavia  ist,  wie  erwähnt,  nur  ein
Sonderfall  der  Sprachenpolitik  in  der  Slavia  allgemein.  Beide  sind  eingebettet
in  die  Geschichte  der  betroffenen  Standardsprachen  und  der  Bevölkerung,  die
sich  ihrer  bedient.  Die  Geschichte  der  Sprachenpolitik  in  der  Slavia  läßt  sich  in
drei  Abschnitte  untergliedern:
-  Vorgeschichte  und  Emanzipation  der  slavischen  Standardsprachen
-  etatistische  Sprachenpolitik
-  nationale  Sprachenpolitik.
Der  erste  Abschnitt  beginnt  jeweils  mit  dem  Einsetzen  der  schriftlichen  Überlieferung
  und  endet  mit  dem  Zerfall  der  alten  politischen  Ordnung  Europas  als
Ergebnis  des  ersten  Weltkriegs.  Einzelne  Entwicklungsschritte  finden  z.T.  zu
unterschiedlichen  Zeiten  statt  (für  das  Russische  und  das  Polnische  z.B.  vielfach
früher  als  für  das  Weißrussische  und  das  Slovakische),  aber  der  Endpunkt  ist
überall  der  gleiche.  Hinsichtlich  der  Entwicklung  ist  es  sinnvoll,  zwischen  dem
Verlauf  in  der  Slavia  orthodoxa  und  in  der  Slavia  romana  zu  unterscheiden.
Gemeinsam  ist  der  Entwicklung  in  beiden  Gebieten,  daß  sich  die  slavischen
Standardsprachen  gegen  andere  sprachliche  Formen  durchsetzen  mußten,  die  in
schriftlichem  und  ggf.  auch  mündlichem  formalisiertem  Gebrauch  waren.  Es
hat  also  auch  in  der  Slavia  eine  „questione  della  lingua”  gegeben.14
In  der  Slavia  orthodoxa  gestaltete  sich  die  Emanzipation  der  Standardsprachen
insofern  schwieriger,  als  bereits  eine  Schriftsprache  mit  beträchtlichem  Prestige
vorhanden  war:  das  Kirchenslavische.  Das  Kirchenslavische  war  eine  Weiterentwicklung
  der  ersten  slavischen  Schriftsprache,  des  Altkirchenslavischen
oder  Altbulgarischen,  die  ursprünglich  für  die  Bedürfnisse  der  Christianisierung
der  Slaven  entwickelt  worden  war  und  sprachlich  im  wesentlichen  eine  südslavische
  Grundlage  hatte.  Diese  ursprünglich  recht  einheitliche  Schriftsprache
wurde  allmählich  in  einigen  Punkten  den  sprachlichen  Besonderheiten  der  jeweiligen
  Umgebung  angepaßt,  und  so  entstanden  verschiedene  Redaktionen  des
Kirchenslavischen  (Russisch-Kirchenslavisch,  Serbisch-Kirchenslavisch,  Kroatisch-Kirchenslavisch
  usw.).  Da  das  Kirchenslavische  nicht  oder  zumindest
nicht  in  gleichem  Maße  als  fremd  empfunden  wurde  wie  andere  Schriftsprachen,
  wurde  es  öfters  als  mögliche  Alternative  zur  Entwicklung  einer  eigenständigen
  Standardsprache  gesehen  (so  etwa  im  serbischen,  ukrainischen  oder
bulgarischen  Gebiet),  was  eine  Emanzipation  erübrigt  hätte.  Und  auch  die
Emanzipation,  die  schließlich  überall  stattfand,  verlief  wegen  des  Vorhandenseins
  des  Kirchenslavischen  anders  als  in  der  Slavia  romana:  die  Standardsprachen
  der  Slavia  orthodoxa  waren  und  sind  alle  in  größerem  oder  geringerem
Maße  durch  das  Kirchenslavische  geprägt.  Wegen  des  Vorhandenseins  des  Kir-14



Der  Begriff  wurde  für  den  slavischen  Bereich  von  Picchio  fruchtbar  gemacht,  und  zwar
in  bewußter  Anlehnung  an  die  westeuropäische,  insbesondere  romanische  Entwicklung,
vgl.  Picchio  1972  und  Picchio/Goldblatt  1984.

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