Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Deutschland  nun  wieder  stärker  an  deutsch-französischen  Gemeinsamkeiten  erinnerte
  und  in  einer  ironischen  Schlüsselpassage  seines  Romans  Der  Neffe  des
Marschalls  sprachpuristischem  Eiferertum  entgegentrat.70  Er  sah  keine  Notwendigkeit,
  das  traditionelle  Beaumarais  durch  Schönbruch  zu  ersetzen,  und
auch  die  Eindeutschung  von  Saarlouis  zu  Saarlautem  dürfte  er  ähnlich  wie
später  Gulden  in  seiner  Erzählung  „S/a/a/r/l/o/u/i/s“71  mißbilligt  haben.  Darüber
  hinaus  nahmen  saarländische  Schriftsteller  wie  etwa  Liesbet  Dill  immer
mal  wieder  Stellung  zur  Situation  in  Lothringen,  was  aufgrund  der  gewachsenen
  Beziehungen  zur  Nachbarregion  nicht  überrascht.
*
Zuletzt  noch  ein  Wort  zur  eingangs  erwähnten  Textsammlung  unseres  Archivs:
Der  Umgang  mit  solcherart  dokumentierter  Vergangenheit  macht  nur  Sinn,
wenn  wir  sterile  gegenseitige  Aufrechnungen  vermeiden.  Ergiebig  ist  vielmehr
das  Studium  von  Ereignisketten  bzw.  Motivgruppen,  aus  denen  sich  politische,
gesellschaftliche  oder  literarische  Gesetzmäßigkeiten  ableiten  lassen.  Gerade  die
komparatistische  Sicht  deutscher  wie  französischer,  zeitgleicher  wie  rückblickender
  Texte  erlaubt  es,  die  Mechanismen  zu  analysieren,  die  den  entsprechenden
  schriftstellerischen  Reaktionen  zugrundeliegen.
Wenn  wir  z.B.  bestimmte  Passagen  von  Cahu/Forest  aus  dem  Schulalltag  denen
von  Marie  Hart  gegenüberstellen72  oder  solche  von  Redelsperger  denen  von
Barrés,73  bemerken  wir  schlagartig,  wie  reziprok  vergleichbar  viele  Abläufe
waren,  wie  austauschbar  viele  literarische  Topoi.  Auf  die  groteske  Anmaßung
jeweiliger  Machthaber  verweisen  Schilderungen,  daß  je  nach  politischer  Lage
Worte  wie  „Frisör“  erwünscht,  „Wilhelminele“  oder  „Pommes  frites“  verfemt
wurden.  Und  wir  erkennen  immer  wieder  die  gleichen  totalitären  Triebkräfte
hinter  solchen  Zumutungen,  die  am  besten  durch  eine  von  Fizaine  überlieferte
Anekdote  verspottet  werden.  Danach  weigerte  sich  ein  Bauer  seinen  Namen
„Lagarde“  in  „Wache“  eindeutschen  zu  lassen.  Daraus  werde  nach  Rückkehr  der
Franzosen  schließlich  „vache“,  bei  abermaliger  Machtübernahme  der  Deutschen
also  „Kuh“,  und  er  müsse  ernsthaft  befürchten,  bei  erneutem  Nationenwechsel
als  „cul“  angeredet  zu  werden.74
Auch  eine  andere  Episode  des  Sprachen-Wechsel-Dich-Szenarios  enthält  ihre
amüsante  Lehre.  Liesbet  Dill  schildert  im  Roman  Der  Grenzpfahl,  daß  an  deut¬70

  Kirschweng:  Neffe,  S.  5  f:  „Für  diesmal  aber  führen  wir  den  Leser  auch  noch  in  eine  Zeit,
die  mit  den  allerhand  Welschheiten  des  Grenzlandes  noch  nicht  so  entschieden  aufzuräumen
  begonnen  hatte,  wie  es  spätere  Zeiten  für  unerläßlich  hielten.“  (S.  6).
71  Gulden:  Markt,  S.  29-33.
72  Cahu/Forest:  Vergessen,  S.  lllf,  und  Hart:  Erinnerungsland,  S.  128  f.
73  Barrés:  Baudoche,  S.  32,  82;  vgl.  Redelsperger:  Land,  S.  47,  70.
74  Fizaine:  Patrie,  S.  232.

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