Full text : Sprachenpolitik in Grenzregionen

Willigkeit  beruhte.“66  Und  er  benannte  damit  ein  Ziel,  das  Jahrzehnte  später  in
Weckmanns  Forderung  einer  Bilingua-Zone  erneut  anvisiert  wurde.67
Inzwischen  hat  sich  glücklicherweise  vieles  geändert.  Unter  den  Autoren  beiderseits
  der  Grenze  herrscht  erstmals  breiter  Konsens,  daß  die  Sprachen-  nicht
an  die  Nationenfrage  gekoppelt  zu  sein  braucht.  Weckmanns  Formel  „Le  cœur
français,  la  langue  allemande“  weist  die  Richtung.  Auf  dieser  Basis  wirkt  der
Protest  gegen  eine  intolerante  Kulturpolitik  umso  glaubhafter.  Denn  selbst
wenn  wir  einmal  realpolitisch  akzeptieren,  daß  der  jeweilige  Sieger  ein  natürliches
  Interesse  zur  Durchsetzung  der  eigenen  Sprache  besitzt,  so  kann  ihm  die
Verpflichtung  nicht  erspart  werden,  dies  möglichst  schonend  zu  tun.  Der  Verdrängung
  s  wettkampf  stellt  gewiß  die  schlechteste  Lösung  dar.
Ihn  fürchteten  manche  patriotisch  entflammten  Schriftsteller  offenbar  seinerzeit
auch  an  der  Saar.  Vor  allem  so  erklärt  sich  eine  Reihe  von  Texten,  die  der  Errichtung
  von  Domanialschulen  galten.68  Nun  dürfen  wir  zwar  aus  ruhigerer
heutiger  Sicht  feststellen,  daß  mit  dieser  durch  die  französische  Verwaltung  eingeführten
  Bildungsinstitution  keine  mit  dem  Elsaß  und  Lothringen  vergleichbare
  Sprach  Verdrängung  angestrebt  wurde.  Gleichwohl  waren  entsprechende
Ängste  der  Saarländer  angesichts  des  drastischen  Anschauungsunterrichts  aus
nächster  Nähe  jenseits  der  Grenze  nicht  lediglich  Ausdrucksformen  von  politischer
  Hysterie.  Tief  saß  nun  einmal  der  Argwohn,  daß  solange  die  Saar  nicht
erneut  mit  dem  Deutschen  Reich  verbunden  sein  würde,  alle  kulturpolitischen
Maßnahmen  letztlich  auf  eine  künftige  Gallisierung  des  Gebietes  abzielten.  Die
aggressiven  Reaktionen  auch  von  Literaten  auf  solche  Französierungsansätze
waren  also  in  gewissem  Sinne  erwartbar.
Als  Reflex  solcher  Befürchtungen  findet  sich  in  Johannes  Kirschwengs  agitatorischer
  Novelle  Der  Widerstand  beginnt  eine  bezeichnende  Szene,  in  der  sich
der  Wadringer  Held  demonstrativ  weigert,  einem  französischen  Offizier  in  dessen
  Sprache  zu  antworten.  Er  riskiert  einen  Wutausbruch  des  Kommandanten
durch  das  Eingeständnis,  daß  er  dazu  zwar  fähig,  aber  keineswegs  willens  sei,
und  gibt  als  Motiv  an:  „Weil  wir  hier  in  Deutschland  sind.  Wenn  ich  nach
Frankreich  komme,  spreche  ich  schon  französisch.“69  Auf  der  anderen  Seite
war  es  der  gleiche  Autor  Kirschweng,  der  nach  der  Rückgliederung  der  Saar  an
66  Flake:  Colmar,  S.  182;  vgl.  Woldstedt-Lauth:  „...fer  d’Elsässer“,  S.  554:  „Un  d’Kinder
lehre  franzöesch,  wiel  se’s  brüche-n-im  Lewe  als  franzöeschi  Burjer.  Un  sie  freie  sich  au
alli  am  Scheene,  wie  ne  durich  dee  Sprooch  uffg’schlosse  word.  Warum  sotte  se  des  au
nit?  Awer  im  Grund  sin  se-n-alli  Elsässer  un  bliewe-n-Elsässer.  Soo  wie  e  Volik  bett,  soo
wie’s  mit  siem  Herrgott  redd,  so  isch’s.“;  vgl.  der  Tendenz  nach  Mungenast:  Muzot,  S.
613.
67  Weckmann:  Plädoyer.
68  Vgl.  z.B.:  Jörg:  Rettung;  Rupp:  „Kumpel“,  S.  42-47.
69  Kirschweng:  Widerstand,  S.  26.

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