denke z.B. daran, daß die vor ähnliche Probleme gestellten Exilautoren nur in
den seltensten Fällen bedeutende Werke in fremder Sprache verfaßt haben.)
Die Verarbeitung eines solchen Traumas erfolgt in Form der literarischen Attacke
oder Klage, als Satire oder Elegie. Zunehmend häufig werden auch Bekenntnisse
und kathartische, (selbst-)therapeutische Aufarbeitung früherer
Ängste und Verhaltensweisen. Autoren suchen sich im Schreibprozeß Klarheit
darüber zu verschaffen, was ihnen bzw. mit ihnen geschehen ist. Adrien Fincks
Der Sprachlose gehört zu dieser Textgruppe, vieles von Weckmann, manches
von Roger Bichelberger. Im autobiographischen Roman Die Linden von Lautenbach
schildert Jean Egen, wie er im binnenfranzösischen Audincourt verschämt
die Kenntnis des sozial geächteten Elsässisch verheimlicht habe. Wenn
ihn das Dienstmädchen, der Onkel oder die Mutter in der Öffentlichkeit ditsch
anredeten, war ihm dies peinlich.56 Seines bürgerlichen Namens Egensberger,
der ihm wegen des Gleichklangs zu Erzberger schon in der Schule größte Pein
bereitet hatte, entledigte er sich auch im realen Leben auf Anraten seines Pariser
Verlegers - eine symbolisch-exorzistische Handlung, die der gealterte Autor
offenbar hinterfragt.57 Auch Jean-Louis Kieffers „Da Knopp“ liest sich als
Aufarbeitung einer Jugendverfehlung und Dressur.58 Lucien Schmitthäuslers
„Fawel von de Lothringer Gans“ deutet die ,Sprachlosigkeit* der Region als
Folge ihrer Untertänigkeit:
„Dick dumm fett unn unnertänich
hat die Gans im Stroh gehuckt
unn gepratzt wie’es doch so sehen isch
wann mä als nur nunnerschluckt.
Allewill isch se gestuppt worr
mol met Liejkrut mol met Mais
betz de Schnawel ihr gestoppt war.
Schprööchlos war’se. De Beweiß...
Ja unn amen!“59
Auch der Elsässer Martin Graff las oder liest seinen Landsleuten die Leviten.
Er zeiht sie der widerstandslosen Auslieferung an die Pariser Sprachnormierung
56 Egen: Linden, S. 95, 207-209.
57 Ebd.: S. 196-198.
58 Kieffer: „Knopp“, S. 200 f; andere Fassung in: Schmitt/Fox: Mund-Art, S. 109 f. Daß
dieses Erziehungsmittel schon über eine Vorkriegstradition verfügte, belegt Thil: Toten,
S. 26 f.
59 Schmitthäusler: Fabeln, S. 43.
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