Man ahnt, was durch solche Denunziationsrituale, wie spielerisch auch immer
sie zuweilen inszeniert sein mochten, in kindlichen Seelen angerichtet werden
konnte. Man weiß mittlerweile auch, daß nicht nur ein verhaßtes ideologisches
Erbe abgestoßen wurde, sondern man sich damit in gewissem Sinn traditions-,
d.h. wurzellos gemacht hat. Und so heißt es bei Conrad Winter:
„wenn der abend
keine äste hat
so ist er
kein bäum
[...] wenn der wind
keine hände hat
so ist er
kein gott
wenn das licht
keine blüten hat
so ist es kein wunder
WENN MINNI HEIMAT
KEIN SPROCH MEH HETT
DANN ISCH SE
KENN STERN
DANN ISCH SE
KENN GSANG
wenn die kinder
keine stimme
mehr haben
so werden die bäume
keine gedichte
mehr tragen“55
Der Gegenslogan zum früheren „Parlez français, c’est chic“ lautet nun
„Schwätze platt, c’est chic“. Autoren wie Weckmann, Egen, Finck, Schmitthäusler,
Kieffer engagieren sich für die Mehrsprachigkeit bzw. für ihren
Dialekt. Spätestens durch solche Initiativen wird deutlich, daß die meisten Autoren
natürlich weniger als kühle Berichterstatter zur Feder griffen, sondern vor
allem als unmittelbar Betroffene. Wie gerade sie von der Indizierung oder Verdrängung
einer Sprache existentiell erschüttert wurden, läßt sich unschwer
nachvollziehen. Gleicht es doch beinahe einer Banalität, darauf aufmerksam zu
machen, daß Sprache keine beliebig austauschbare Kommunikationstechnik
darstellt, sondern ein über spezifische Laute, Werte, Kindheits- und andere Erfahrungsmuster
erworbenes Ausdrucksmittel, dessen Wirkung nicht zuletzt an
solche genuinen Voraussetzungen poetischen Schreibens geknüpft ist. (Man
55 Finck/Weckmann/Winter: Sprache, S. 77; vgl. Finck:,Letzte elsässische Deutschstunde“,
in: ebd., S. 18 f; Kieffer: .Assimilation“, in: Schmitt/Fox: Mund-Art, S. 107; Weckmann:
,Amerseidel“, in: Finck: Nachrichten, S. 138 f.
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